Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1886)
- Date
- 1886-11-01
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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244 Stimmung war oft sein Loos. Kehren wir an Hand des Biographen wieder zu unserm Jost zurück, den er für eine durch und durch praktische Natur hielt, freilich nicht in dem.Sinne jener hohlen Schwätzer, welche das Wort „praktisch" gegen alle idealen Md höheren Anschauungen, welche mit dieser Partei-Schablone, — wie heute noch gegen Alles, was sie nicht fassen können oder wollen — Front zu machen suchen und bei allem, was ihren kleinen Leidenschaften nicht schmeichelt und ihrer Pfennigsweisheit nicht einleuchtet, die Worte „das sind unpraktische Dinge" im Munde führen. Jost war praktisch im höheren Sinne; er besaß neben dem Golde der Weisheit die Scheidemünze der Klugheit und nichts dünkte ihm zu klein, als daß es seiner Aufmerksamkeit nicht wert gewesen wäre; die kleinste Angelegenheit war in seinen Händen so gut und treu gehegt, wie die größte, seine Natur war nicht nur eine vornehm gebietende, sondern zugleich auch eine bescheiden dienende. Jost zeichnete sich durch seltene wahrhaft an Polyglöttismus streifende Sprachkenntnisse aus und hatte einen über weite Gelehrtenkreise sich ausbreitenden Briefwechsel in verschiedenen Sprachen zu führen. Seine Pünktlichkeit in Beantwortung von Briefen war beispiellos. Es ist bei seiner sonstigen Thätigkeit diese Pünktlichkeit nur aus seiner strengen Zeiteinteilung zu erklären, die die Tragweite seiner Energie und Arbeitskraft vergrößerte. Ueber Jost's Familienverhältnisse ist wenig zu sagen. 1842 zerschnitt der Tod den Bund seines Herzens, din er 1818 geschlossen. Seine verstorbene Frau, schön, geist¬ und gemüthreich, war eine Nichte des Mendelssohnianers Jsaac Euchel und seit ihrem Tode stand Fräulein Wolf, die Schwester seiner verstorbenen Gattin, seinem. Hauswesen vor. Sie besaß ein empfängliches Gemüt und ein reiches Seelenleben. Ihr Urteil war so richtig und treffend, ihr Geschmack so durchgebildet, daß Jost sie, was viel sagen will, in den wichtigsten Dingen um Rath fragte und nichts drucken ließ, wie er sich selbst äußerte, ohne es ihr zuerst vorgelesen und ihr Urteil vernommen zu haben. Er stand in lebhaftem Verkehr mit den damaligen Leitern und Lehrern der israelitischen Realschule, besonders mit dem Director vr. Sigmund Stern, der im Jahre 1835, als Jost einem Rufe nach Frankfurt a. M. folgte, die von ihm in Berlin gegründete Erziehungsanstalt übernahm. Außerdein gehörten zu seinem Kreise Leopold Stein und Raphael Kirchheim, der den Vormittag an der Börse zubrachte und den Nachmittag in seiner Bibliothek. Zeitweise, schreibt Zirndorf von letzterem, ergieng er sich in seinem Garten, begoß seinen Salat - und stieß zwischen den Rauchwolken seiner Pfeife allerlei treffende satyrische Bemerkungen über Bücher und Menschen aus. Zwischen Jost und vr. Eljakim Carmoly, der 1875 gestorben, bestand ein sehr angenehmes Verhältnis und wenn auch Jost einige harmlose gallische Excentricitäten Carmoly's, der das Deutsche mit starkem mittelrheiuischen Accent sprach, glossirte, so geschah dies doch in der allermildesten Form. Carmoly war ein guter Mensch von den feinsten und urbansten Umgangsforinen. Auch wir erinnern uns nnt Freude an den liebenswürdigen Mann, mit dein wir einige Jahre freundschaftlich verkehrt haben. In diesen Kreis gehörte auch Abraham Tendlau, der Berfaffer der Sprichwörter und Redensarten deutsch-jüdischer Vorzeit", der 1878 gestorben. Unerschöpflich quoll diesem treuen Eckart der jüdischen Jugend der Erzählstoff aus der Feder. Bon der Burschikosität dieses Mannes, von der Zirndorf schreibt, hat man dem Hagestolzen, der im Vereine mit seinem Bruder einem Schalpensionat Vorstand, in den letzten Jahren blutwenig angesehen, vr. Jakob Weil, gestorben 1864, welcher als Erzieher von zwei Generationen in Frankfurt a. M. gelten kann, wird von Zirndorf als em Mann der Schule Md des