Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 11 (1.11.1886)
- Date
- 1886-11-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969931--1792-2976406- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
243 keinen Augenblick im Zweifel und rief ihm mit humoristischem Unwillen zu: „Soeben hat Herr N. bei mir auf altmodisch geschnorrt, da ist nun der Doctor Jost : der schnorrt auf neumodisch". Jost erwiderte: „Ich weiß nicht, Herr Baron, wie viel Sie dem Herrn N. gegeben haben; soviel aber weiß ich, Ihre Mittagstafel wird um kein Haar minder gut besetzt sein, wenn Sie für diese bedrängte Familie eine mäßige Summe beisteuern." Jost wurde oft, weil sein Wohlthätigkeitssinn bekannt war, mißbraucht, getäuscht, hintrrgangen; das konnte ihn aber nicht abhalten, dem Zuge seines Herzens zu folgen. Er hatte zu seinem Grundsätze in dieser Beziehung: Lieber gegen zehn Unwürdige edelmüttg handeln als einem einzigen Braven die verdiente Liebe und Güte entziehen. Jost war auch der Gründer des Permissionisten-Vereins zur gegenseitigen Unterstützung erkrankter Bewohner Frankfurts, die .das Bürgerrecht nicht erworben hatten» und der Creizenach-Stiftung, wodurch das Andenken des ausgezeichneten Lehrers und theologischen Schriftstellers Michael Creizenach (geb. zu Mainz 1789, gest. zu Frankfurt a. M. 1842) verewigt werden sollte. Creizenach war die Seele der Reformbestrebungen des Frankfurter Andachtsaales und gab 1840—1842 im Vereine mit Jost die hebräische Zeitschrift „Zion", die auch mit dem Tode Creizenachs zu erscheinen aufgehört hat, heraus. Jost beklagt am Schlüsse des Ellul-Heftes 5642 in klassischem Hebräisch den Tod seines mitstrebenden Freundes mit den Wörken: „Am Neumondstage des Elul (August 1842), Freitag nach Sonnenuntergang, da verdunkelte sich das Licht unserer Augen; der Tod stieg bei uns durchs offene Fenster und nahm die Krone von unserem Haupte weg in der Person unseres theuren Gott und den Menschen liebwerthen freundes und Führers Dr. Michael Creizenach. Seine reine Seele kehrte zum immel zurück. Ich allein stehe hier mit bethräntem Antlitze und muß deshalb aufhören, die Mauern Zions (d. i. die Zeitschrift) ferner zu bauen, denn die Last wiegt zu schwer auf meinen Schultern." Gegen arme jüdische Schriftsteller, die des Erfolges und der Anerkennung entbehrten und mit Not und Elekd zu kämpfen hatten, war Jost zuvorkommend und dienstfertig und mancher unbelohnt Strebende hat an seinem gastlichen Herde Rat und Beistand gefunden und Muth zu neuer Thätigkeit gewonnen.. Wie interessirte er sich für den armen Berl Goldberg, der ein ganzes Menschenleben in den Schachten des jüdischen Altertums emsig gegraben und dabei für sich nichts gefunden! Jost stand diesem Mathematiker und Chronologen, der sich deutsch nicht gut ausdrücken konnte, auch litterarisch zur Seite, um seine Forschungen einem weiteren Leserkreis zugänglich zu machen. Er unterstützte die jüdischen Zeitschriften, von der ältesten „Jedidjah" bis zur jüngsten in seiner Zeit „Ben Chananjah", reichlich mit seinen geistvollen Beitragen. Der jüdische Kalendermann und Jahrbuch-Herausgeber K. Klein besuchte auf seinen Wanderungen immer unseren Jost. Klein war ein guter harmloser und dabei stocktauber Mensche der voll von Bildung und Kenntnissen war und dabei, was selten anzutreffen, ° eine sehr zierliche Handschrift schrieb. Wie bei allen Rothleidenden und erfolglos Ringenden waren seine Gesinnungen die allervortrefflichflen und reinsten und in den schwülen Hundstagen konnte man, wenn man nur je die Feder gerührt, seines Besuches gewärtig sein, um Manuscript zu holen. Er gab sich, wie em christlicher Zeitgenosse sich ausdrückt, mit seinem Judentume und dessen Aufrechthaltung und Förderung in zeitgemäßer Form viel saure Mühe, er war ein Ueberall und Nirgends, uvstät umherwandrrnd, dem ewigen Juden ähnlich. Schwere . Schicksale hatten ihn getroffen und die traurigste und rathloseste 21.