Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1886)
- Date
- 1886-10-01
- Page
- Seite 229 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 229 — geben, das Heil unseres Strebens ist nicht genannt, selbst die Tugendübungen erscheinen zumeist im Gewände des Gesetzes. - Darauf haben wir Folgendes zu erwiedern. So sind eben die Grundpfeiler der Moral inmitten dieses alten Volksstammes gesetzt, so entfaltete sich eben die Sittlichkeit von den ältesten Zeiten ab durch alle Lebenstage Israels. Für das Leben, für das Wirken ist alle Sittenlehre verkündet; für das Schaffen und Streben sind alle Sittengebote eingerichtet und geformt. Mit allen erziehenden Mitteln werden die Kräfte des Gedankens geweckt, die Tiefen des Geistes bewegt, die Sehnen des Willens bestimmt und geleitet. -I» dem Fünfbuche sind sie zum ewigen Zeugnisse hingesetzt, die großen Ausblicke des Geistes, die gewaltigen Ideen, an denen menschliche Tugend empvrrankt: Die Vollkommenheit, dieser Triumpf der harmonisch waltenden Seelenkräfte; die Heiligkeit, welche verklärend das Haupt des Reinen und Lautern umfließt; die Gottähnlichkeit, welche dem Erdensohne tausend Himmelskronen zuerkennt .... auf diese alle zeigt . . auf diese alle deutet die Lehre Jsrael's, wie auf Sonnen, die in einander spielen, wie auf einander umschließende Sphären, in denen ewige Lichter wandeln. Und alles, was den Menschen zu ermutigen vermag, die Wege der Vollkommenheit zu suchen, zu finden und zu wählen, was die Kräfte weckt und'den Wille» stärkt: Die Kenntnis des inneren Wertes der guten That, die Erwartung einer Belohnung, die Hoffnung auf Frieden, der Bund mit Gott, die Verheißung eines ungestörten dauerreichen Lebens, der werte Schatz edelster Erdengütcr, eine weite, weite Zukunft. . . Das bewegende Mitleid, die drohende Vergeltung .... alle diese Gedanken treten in dem alten Schrifttume vor den Menschen hin und suchen ihn zu bestimmen; alle diese Gedanken einen sich, um seine Seele zu fasten, um sie der Tugend, um sie der edlen Sitte entgegen zu führen. Aus diesem Schatze großer Gedanken und Anregungen hebt auch die Moral der späteren jüdischen Lehrer nicht nur einzelne Edelsteine heraus. Wie in dem Schooße des Urgebirges so ruhen und lagern sie auch in der Neubildung späterer Tage alle die ewigen großen Ideen. — Wohl zeigte sich in unserer Zeitepoche in der Entwickelung der Sittlichkeit und der - Sittenlehre ein Fortschritt. Der Kreis erweiterte sich, in welchem die sanften Gebote zur Uebung kamen. Nach der gehobenen Kenntnis, nach der Veränderung der Sitte und der Gewohnheit gab man den Regeln der Tugend, auch größere Bestimnitheit, vermehrte Feinheit, gebrauchte man einen bezeichnenderen Ausdruck, gewann man auch manches neue Feld und machte eine neue Anwendung. Stets aber hat die Moral der Rabbinen alle die leitenden Gedanken der alten Zeit festgehalten, alle Motive hat sie ausgenommen, keine der segenbietenden Verheißungen mochte sie missen, welche die alten Bücher enthalten und künden. — Wahrheitdurchglühte Betrachtungen sollten. die Seele mit der erhabenen Kenntnis von dem inneren Werthe der Tugend erfüllen. Winke über den Frieden im Leben, über das Heil in weiter Zukunft sollten dem Geiste Muth und Zuversicht geben. In tausend Tonarten sollten die Rufe erklingen, welche die Menschen zn reinen Thaten erwecken, tausend Erinnerungen sollten die Lebensgewohnheit durchziehen, sollten alle Genossen des Stammes zum Guten leiten und führen. Hochgeehrte Versammlung! In diesem Augenblicke schweigen sie zumeist die Feinde des Judentumes und des jüdischen Schrifttums. Sie scheine» zurückgedrängt: Allein, wenn es wahr ist, was schon vor mehr als einem Jahrhunderte ausgesprochen wurde, daß „das Vorurteil der Gegtrer des Judentums die Ge-