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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-10-01 · Heft 10 (1.10.1886) · p. Seite 225

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 10 (1.10.1886)
Date
1886-10-01
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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— 225 — man bei dem heiteren Male, bei des Kelches perlendem Weine der Liebe gedenkt und der Treuen des Herzens, so spreche von Gott und seinen Frommen?. Wie sie vor Gott treten, die Lebensbilder der Großen und Edlen der Vorzeit, so ist es, wenn man ein solches Bild anwenden darf, als spräche der Heilig^ dessen Name durch die Welten und durch die Zeiten tönt, klagend, wie ein / Mann, der die Hände zusammenschlägt: „Warum sind sie nicht alle die Erdenbewohner wie Abraham, Jsak und Jakob und Mose!" „Ja," fährt fort, „tzrüfe den Herrn im Gebete, verherrliche ihn in Bildung deines Gemütes, indem du das Gesetz annimmst, und das Endziel sei, daß dein Wandel . . . ./wie der der Patriarchen rein bleibe vor Gott . . . ." „Und soll ich dir eine Zeit nennen," so sagt unser Redner, „eine Zeit, in der, wenn ich das Bild fest halte, Gott klagend gesprochen haben mochte, wie ein Mann, der die Hände ineinanderschlägt? . . ." Als die Israeliten, welche Moses führte, in der Wüste sündigten, da sprach der Herr: Wunder und Zeichen hahen sie geleitet und sie bargen ihr Leben annoch nicht unter den Fittig der Gottesmilde!? Warum sind nicht alle Bewohner der Erde wie Abraham, Jsak und Jakob, vollkommen, fern von jeder Sünde, frei von allem Trüben und Unedlen und Unzarten!') Hat aber, so könnte man fragen, die Sittlichkeit, welche in jener Zeit in einem größeren Buche kodifiziert, auf der Rednerbühne zun« Ausdruck gebracht wurde, auch in dem Boden des Volkslebens Wachstum gefunden? Drang die hochstnnige Moral in alle Schichten der Gemeinden? Durchwehte sie die weiten Kreise des Judentums? Nicht immer steht die in dem vielbewegten Volksleben waltende Moral in genauem Verhältnisse zu den Lehren der Schulen, zu dem Urteile der Weisen, zu dem Ergebnisse der Forschung, zu den Vorschriften der Religion. Das mosaische Gesetz verwirft jeden Trug, verdammt die Lüge . . . und doch bedienen sich manche bevorzugte Gestalten der biblischen Welt der List als einer geläufigen Waffe. Die Rache wird durch einen strengen Imperativ untersagt, und doch muß das Gesetz selbst durch einen abgesteckten Raum vor Blutrache schützen. Die Sätze von fleckenloser Sittenreinheit tönen hinein in das üppige Zeitalter Salomo's.! Doch seit der Zeit, da die Selbständigkeit Judäas wankte und sank, entspricht die Gesittung des Volkes stets der Moral, welche in den Schulen gelehrt wird. — Das rege, flutende Volksleben gestattet den Aussprüchen der Denker und Weisen nur leise und langsam Eingang und Einfluß; die vorgeschriebenen Ideen hochsinniger Häupter brechen sich erst spät die Bahn, wo im vielbewegten Staate die Kräfte nach allen Seiten drängen und treiben. Allein anders war es in dem Israel, welches seit seiner Zerstreuung ein stilles Leben führte. Es wurde eben nur von den Schulen aus geleitet, es erhielt eben seine Direktive aus dem Lehrhause. Die Entscheidungen der Meister ordneten das äußere Leben, die Vorträge der Prediger festigten den Mut und die Ausdauer, die schulmäßig verkündete Sittenlehre wurde die Norm für den Wandel und für das Strebe» des Volkes. So blieb es auch in den Zeiten der Gaonen. Wir besitzen in den Antwortschreiben dieser Lehrer den Beweis hiefiir. Diese Antwortschreiben sind bald an einzelne Fragesteller gerichtet, bald wenden sie sich an Gemeinden, welche Aufschluß erbeten und nach den Responsen dieser Schulvorsteher am Euphrat wird die Lebensweise des Einzelnen geregelt, nach diesen Weisungen werden die

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