Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 10 (1.10.1886)
- Date
- 1886-10-01
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Ruhe finden sollen, wenn ei» Unrecht geschieht, sie mag von den Grenzen und Schranken nichts wissen, die hier menschliche Klugheit ziehen zu dürfen vermeint, sie duldet nicht den Frevel im Gewände der Tugend, sie verdammt jede Fälschung ihrer heiligen Grundgesetze. Wahrheit ist ihr Wesen und nur wahre Gerechtigkeit verschafft uns Wohlgefallen vor Gott. In ihrem rechteü Sinne verstehen muffen wir auch die zweite Forderung, von deren Erfüllung nach dem Worte des Propheten unsere Buße und Rückkehr zu Gott ein lautredendes Zeugnis abgeben soll, Liebe zur Tugend, liebevolle Bethätigung des Edelsinnes und der Herzensgute. Erst Gerechtigkeit und dann Liebe, erst Redlichkeit der Gesinnung und dann Erbarmen des Herzens! Herzensgüte, die dem Hilfsbedürftigen liebevoll sich zitwendet, die auf manchen werten Besitz verzichtet, manchem erfreuenden Genüsse entsagt, um den Mitmenschen von schwerer Sorge zu entlasten, von niederdrückeildem Kummer zu befreien, ist zwar eine höhere Tugend, als Gerechtigkeit, die nur das Ungebührliche nicht zuläßt, den Frevel bekämpft und eine Beeinträchtigung der Ehre und des Besitzes anderer in keiner Weise duldet, hingegen auch nicht weiter geht, nicht auch die Teilnahme für anderer Wohl und Weh in sich faßt; doch darf das nicht so verstanden werden, als ob wir etwa durch die Uebung von Liebeswerken, durch Thaten der Barmherzigkeit, der Pflicht des Rechtthuns, die wahrlich gar nicht so leicht zu erfüllen ist, irgendwie überhoben wären. Die Rechtschaffenheit ist einmal die unerläßliche Vorbedingung aller Güte und Herzeusveredlung, die breite Grundlage, auf der alle Seelengröste sich aufbapen muß, wenn sie einen festen Halt haben und nicht, so das Beispiel des Wänkelmuts gegeben ivird, wiederum in ihr Gegenteil sich verwandeln, zur Verkehrtheit und inneren Verunwürdigung hinführen soll. ' Wer nach der einen Seite hin die heiligen Lehren des Rechtes Übertritt und mißachtet! und dies nach der andern Seite hin wieder gut zu machen sucht durch Gaben des Wohlthuns, durch Thaten der Barmherzigkeit, der hat eine falsche verkehrte und verfehlte Vorstellung von dem Wesen wahrer Menschentugend. Barmherzigkeit, bereu Kehrseite Ungerechtigkeit ist, mag in den Augen der Menschen rühmlich erscheine» und es mag in der That auch einige Anerkennung verdienen, svenn jemand, der sonst über manches sich hinaussetzt, wenigstens darin, daß er dem Guten seine wirksame Theilnahme nicht entzieht, seine Befriedigung sucht, aber vor Gott können wir mit solchem Thun kein Wohlgefallen finden. Und gestehen wir uns es offen — es sind nicht immer gute Thaten, die durch Werke dieser Art gestiftet und gefördert werden, sie tragen nicht selten, sh wenig das auch für jedermann sichtbar sein mag, das Gepräge der Ungerechtigkeit in sich, die da gleichsam im Hintergründe solcher Barmherzigkeit sich befindet. Gute Thaten dieser Art pflegen da, wo sie überflüssig sind!, oft ungesucht und in Menge sich einzustellen, dagegen da nur spärlich und kärglich hervorzutreten oder gar gänzlich ferne zu.bleiben, wo durch sie wahrhaft edle und heilsame Werke zu Stande gebracht werden sollen. [ Es ist dir gesagt worden, o Mensch, was das heißt, gut sein und was da der Ewige dein Gott von dir fordert. „Recht thun" und dann „Liebe üben" und dann noch „in Bescheidenheit einherwandeln" vor beinern Gotte. Gerechtigkeit ist die Wurzel, Menschenli ebe der Stamm und Bescheidenheit die Krone der Tugend, die der Herr als einen Baum des Lebens dir in das Herz pflanzen will. Reiß die Wurzel aus und d:r Stamm fallt und die Krone verdorrt und statt der Blüten des Herzens, tue der schönste Lebensschmuck sind, hast du welkes Laub, 1! I