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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-09-01 · Heft 9 (1.9.1886) · p. Seite 204

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 9 (1.9.1886)
Date
1886-09-01
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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— 204 — welche den Frieden ihres Volkes anstreben, welche, den Schmerz und das Leid der Gemeinde tief in ihrem Herzen mitfühlen, die zu ihrem Lande stehen in der Zeit der Beengnis, ihnen tönt der Ruf: „Ihr erweiset euch als Stütze am Tage des allgemeinen Leides, aut und liebevoll sieht Gott auf euere Thaten!" ’) j * Fragt man, ob die Moral, welcher die Häupter dieser Zeit Ausdruck gaben, einen Fortschritt gegen die frühere Periode qufweist, so glauben wir bejahend antworten zu dürfen. Wir könnten unsere Meinung durch den Hinweis auf Saadia unterstützen. Dieser kennt in seinem philosophischen Buche die dem Intellekte eingepflanzten sittlichen Ideen, er erbringt den Beweis für die vollkommene Freiheit des Menschen / aus dem Gefühle desselben und aus dem Schlüsse der Vernunft, er schreibt bei der Uebung und für den Gebrauch der Seelenkräfte den sittlich-vernünftigen Maßstab äls Richtschnur vor. Allein diese Gedanken scheinen esnen fremden Ursprung zu verraten und verschmolzen erst spät, wie manche Reste der alexandrinischen Weisheit, mit dein Geiste der jüdischen Lehre. Aber selbst in hex streng rabbinischen. Litterarnr bemerken wir einen Fortschritt. Vorerst in der Form der Darstellung. j Die heilige Schrift umfaßt mit dem Lichtblicke edelster Menschenwürdigung düs ganze Geschlecht, stellt abeii auch den Bau eines Volkstums und eines Staatsipesens sicher, welches im Kampfe mit andern Stämmen ringt; in unendlicher Wärme stralt der Sonnenblick der Liebe, aber durch das Gewölle der Zeiten muß ajuch der Blitz der Strenge und der Vergeltung treffen. — In den ersten Jahrhunderten nach der Besiegung Palästina's durch die Römer brachen schwere Leiden über die aus dem Schutte wieder hervorstrebenden Gemeinden. In Judäa und später in Babylon sehen sie sich geächtet und müssen Drangsal und Not ertragen lernen. Kein Wunder, wenn in den gesetzbestimmenden und schrifterklärenden 5usführnngen der talmudifchen Zeit neben der himmelsklaren, reinen Zeichrng edelster Gesittung doch mancher unsichere Zug einer zitternden Hand beertlich ist. . 1 Vergleicht man die Nsoral der talmudischen Schriften mit der biblischen, so zeigt sich in der ersten allerdings ein formaler Fortschritt. Der Ausdruck ist bestimmter und genauer. Das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" wird in oje Formel „Was du nicht hüllst, daß es dir wiederfahre, das übe auch nicht (egen einen Andern" gebracht. Dieses kommt der Norm „Was allgemeines besetz zum Wohle aller Menschen sein kann, ist sittlich" schon näher. Auch sind ie Grundsätze der Sittenlehre in Mischna und Talmud mehr für bestimmte Fälle m Anwendung gebracht und erhalten in Beziehung zu praktischen Fragen eine Ausbildung. Dagegen fehlt dem Talmud wieder die Kürze des weltdurchtönenden Gesetzes, die Glut der prophetischen Rede, welche aus der Schrift in die Jahr« kausende der späteren Menschengeschichte hineintönt. i Unser Zeitalter, das!der Geonen, gewinnt in dem jüngeren Midrasch das lte Feuer wieder, erhebt sich im Schwünge der Bilder zu einer phantasiereichen arstellung weiter, künftiges Zeiten. Wir finden in ihnen den schroffen Gegenätz zum Heidentums nicht mehr. Das Heidentum hatte auch schon keinen Boden m Leben der Völker: Die Wolken des Mißmutes haben sich verzogen. In den selbstständigen Erklärungen, in den Redewendungen, welche urprünglich diesen Jahrhunderten angehören, trübt kein Stäubchen des Grolles has reine Gold der Hulo und des Wohlwollens, welches das Eden des Dercch Erez K. 2.

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