Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1886)
- Date
- 1886-09-01
- Page
- Seite 200 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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200 — der wirklichen und bestehenden Uebung des Glaubensgesetzes erbrachte, nicht von allen Seiten volle Sicherheit zuerkennen wollen. Die Gegner sagten — von Stade hörten wir erst jüngst das Wort: — Die veränderten Lebensansichten, die Berührung mit fremden Kulturen, das Zusammenleben mit Völkern des Occidentes habe spätere Lehrer beeinflußt und bestimmt, die Lehrmeinungen des Talmuds zu mildern und sie den sanfteren Ansichten europäischer Gesittung anzupassen. Wie, wenn nun die Lehrer, welche in Palästina und in Babylon auf die Amoräer folgen, welche auf demselben Boden leben, welche in der gleichen Bildung erwachsen, in der gleichen Geistesübung gewandt sind, von dem gleichen Zuge der Zeit getragen werden, wenn nun diese Lehrer in ihren Ermahnungen und Unt^- weisungen eine Moral empfehlen, die klar ist, wie der lautere Himmel, einen Edelsinn predigen, welcher den Gipfelpunkt aller Tugend bildet, kann man noch sagen, daß hier eine Einseitigkeit, eine Deutung vorliege? Muß man dann nicht zugeben, daß sich in solchen Aufzeichnungen und Schriften der wahre Geist der radbinischen Bücher abspiegle? Daß diese Bücher nach ihreni innersten Geiste keine specifisch jüdische, sondern die herrlichste, erhabenste, alle Menschen, alle Verhältnisse umschließende Sittenlehre behandeln und verkünden? Welches Bild aber zeigt uns die Litteratur jener Zeiten? Mit dem Abschlüsse des Talmud schien der frische Quell der Forschung, der sprudelnde Reichtum der Entwicklung versiegt und ermattet. Aus dem Boden der Gesetzeskunde waren die üppigsten Pflanzen erwachsen und nun fand auch dieses neue Heimatland, welches die wissenschaftliche Strebsamkeit der Juden gegründet und erworben hatte, seine Rast- und Ruhejahre. Den Lehrern der nächsten Zeit genügte es, sich in den Geist der alten Erörterungen zu versenken. Von der Mitte des sechsten Jahrhunderts ab bieten uns zwanzig Jahrzehnte kein Beispiel einer religionsgesetzlichen Vertiefung und Weiterung. Das Merkzeichen der folgenden zwei Jahrhunderte sind auch nur kurze Auszüge aus den rabbinischen Feststellungen. Aber ein Buch der Sittenlehre, schon in früheren Zeiten nach einzelnen Hauptsätzen angelegt, wird von den Lehrern dieser Jahrhunderte weitläufig umgebildet, vermehrt und vollendet. In deniselben sprechen sie ausführlich von den Forderungen der Moral, von den Regeln edelsten Anstandes, vereob Erez .Regeln für den geselligen Verkehr" nennt die einfache Ueberschrift das Buch, welches die trefflichen Anweisungen zur Selbstveredlung enthält, die nienschenbeglückendc Liebe, die niemals zu trübende Wahrheit, das scharfe, nicht um eine Haaresbreite zu krümmende Recht predigt. Und die anderen „kleinen Traktate" welche dieselben Lehrer ausführen, behandeln die Gesetze menschenfreundlicher Teilnahme bei den Leiden und Freuden der Mitbrüder, behalten die Ordnung des Gottesdienstes im Auge, welcher in der Erhebung der Seele zu Gott, dem Quell der Liebe und der Sittlichkeit, seine große Bedeutung, sein letztes Ziel findet. Daß die Lehrer, welche unmittelbar aus die Talmudistcn folgten, gerade ein geordnetes, großes Buch der Gesittung und der Moral um- und ausgearbeitet und ihrem Geschlechte als Erbe hinterlassen haben, zeigt deutlich, welche Stelle jene Männer der Tugend und der Moral im menschlichen Leben zuerkannten, welche Bedeutung sie auch im weiten Kreise des Gesetzes und der Glaubenswissenschaft dem reinen Menschentume und der zarten Gesittung einräumten. Auf jeder Seite des ältesten Buches unseres Stammes, auf jeder Seite der Bibel liest man neben Erzählungen und Volksgefetzen die schönsten Lehren remster Tugend und Menschenliebe. Sie durchwehen auch die Lieder und prophetischen Reden. Und doch nahmen die Ordner der Schrift auch ein eigenes