Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1886)
- Date
- 1886-09-01
- Page
- Seite 199 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 199 — eines reichen Schrifttums nichts sei als ein Entwurf, der vereinzelt blieb, eine Meinung, die man. nicht beachtete, eine Ansicht, die man bei Seite schob. Vorkämpfer der jüdischen Lehre deuteten auch auf die Entwickelung der Gesetzesforschung, auf das zu Recht bestehende jüdische Glaubensleben, in welchem die edelsten Lehren der Sittlichkeit Ausdruck finden, in welchem es sich klar ausprägt, daß die herrlichsten Tugenden, welche das Menschentum zieren, gepflanzt sind in dem Hause des Herrn und in den Hallen unseres Glaubens erblühen. Vielleicht könnte man der letztem Art der Verteidigung durch eine anders versuchte Beweisführung vermehrtes Gewicht geben. Vielleicht könnte man den Gedanken, den sie ausspricht, indem sie auf die Kette der Zeiten blickt, auch historisch sicherstellen. Wie, wenn die weitläufigen Verhandlungen der babylonischen Schulen, die man Talmud nennt, sofort als sie gesammelt waren und einen Gegenstand des Studiums bildeten, dem Auge der Lehrer des Judentums in dem Lichte erschienen, in welchem sie sich uns darstellen? In jenen Schriften, welche die Forschungen und Geistesthaten der alten Akademien der Nachwelt bewahren, sind sie nebeneinandergestellt, die prüfenden und erwägenden Worte der Lehrer und die suchenden und tastenden Bemerkungen der Jünger. Hier findet man den kurzen Satz des Meisters neben dem Gespräche der Genossen, hier wechseln sie mit einander ab, die Fragen des Schülers, die Ausführungen des Kundigen, die Zweifel des Schwankenden, die Beweise der Geübten und Sicheren .... Wie die Bibel, die in ihren Erzählnngen die Schwächen ihrer Helden nicht schont, ist auch der Talmud von Wahrhaftigkeit durchflossen. Er unterdrückt nicht die Worte mancher Kummergebeugten, die sich — allerdings bilden sie nur Ausnahmen — des Zweifels und der Verzweiflung nicht zu erwehren vermochten; er verschweigt nicht die irregeführte Meinung schwacher Geister — ihre Zahl ist allerdings gering — welche durch den Haß, der sie verfolgte, durch die Schläge, welche ihr Leben trafen, die Festigkeit verloren hatten, das Rachegefüht in ihrer Brust so vollkommen zu besiegen, daß es nicht in einem raschen Worte der Lippe erzittern sollte .... Wie, wenn in dem Zeitalter, in welchem die jüdischen Gemeinden zuerst in diesem Talmud den reichen Quell der religiösen Belehrung erblicken, wie, wenn die Häupter jener Geschlechter die herrlichsten Gedanken der Menschenliebe, die lautersten Sätze der Moral besonders hervorheben? Wie, wenn schon die Lehrer, welche vom siebenten bis zum eilsten Jahrhunderte Israel im Geiste des Talmuds führen, in diesem Talmud nur die himmelsklaren Edelsteine der Sittlichkeit finden, wie sie jemals im Brustschilde eines Priesters der Menschheit erglänzten?! Wie, wenn da schon, als die 60 Traktate zum ersten male als vollständige 'Sammlung in Verhandlung kommen, gerade die in denselben ruhenden Ueberlieferungen edelster Gesittung als das teuerste, wertvollste Gut geachtet, gepflegt und gewahrt werden? Wenn die Lehrer da schon, über die Zweifel mancher zagenden Schüler, über die vereinsamten Bemerkungen mancher unsicheren Genossen hinweggehen und vom höchsten Standpunkte der Sittlichkeit aus die Fragen als erledigt, die Zweifel als beschwichtigt, hingegen den Beweis als erbracht, die Vorschrift als gesichert und unanfechtbar erachten? . . . Wäre es dann nicht dargethan, wäre es dann nicht an dem Prüfsteine der Geschichte erprobt, daß die edelsten Sätze von Wahrheit und Recht, die hohen Gedanken der Anerkennung und Würdigung des Menschentumes keinen Augenblick aufgehört haben, das Gesetz und das Leben des Judentums zu bestimmen? Man hat dem Beweise, den man für die sittliche Hoheit des Talmud aus