Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1886)
- Date
- 1886-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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HWPWW,-W'i;.W "“Ty — 197 — der Werkheiligkeit zu bezichtigen vermag nur der, welcher die Forschungsergebnisse der Kenner auf diesem Gebiete — und hiezu gehört unser Jubilar mit in erster Linie — der Beachtung nicht würdigt. Man bat dem Judentums Nächstenliebe abzusprechen gewagt; und doch war dieselbe zu einer Zeit, wo die übrigen Völker Wesen und Begriff dieser Liebe noch gar nicht kannten, durch' das jüdische Religionsgcsetz in ihrer edelsten Gestalt ausgeprägt. Es muß für den Menschenfreund eine wahre Lust sein, die hierauf bezüglichen auf Bibel und Talmud sich stützenden Nachweise des Jubilars zu lesen. Doch wozu Perle an Perle reihen? Wir wollen vielmehr in die Tiefe des Meeres tauchen, aus der sie geholt wurden, wir wollen einzudringeu versuchen in den Geist der Sittenlehre, dem solch herrliche Lehren entsprangen. Diesen Geist stellt uns am deutlichsten dar eine sagenhafte Erzählung unserer Weisen. Es wurde die Frage aufgeworfen, in welchen biblischen Satz sich das Wesen der jüdischen Religion in Bezug auf ihre praktische Bethätigung, das Wesen der Sittenlehre, zusammenfassen lasse. Und da behauptete der eine, das Wesen der Sittenlehre gipfle in dem Satze aus der Schöpfungsgeschichte: „dies ist die Entstehungsgeschichte des Menschen;" der zweite meinte, zutreffender sei es erhalten in dem Gebote: „du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst;" der dritte stellt die kühne und sonderbare Behauptung auf, das Wesen der Sittenlehre werde am ausdruckvollsten wiedergegeben durch das Opfergebot: „das eine Lamm sollst du darbringen am Mortzen und das andere am Abend." Gleichheit aller Menschen lehrt die Schöpfungsgeschichte, sagt der erste Weise. Wenn aber alle Menschen gleich sind, fügt der zweite ergänzend hinzu, so ist auch jeder mein Nächster, und es baut sich auf der Gleichheit auf das Gebot der Nächstenliebe. Der dritte aber erhebt sich zur idealsten Höhe, indem er das Judentum als Religion der That auffaßt. Die beiden Lämmer nämlich, welche zur Zeit des Tempels morgens und abends dargebracht wurden, waren nicht etwa Einzelopfer, sondern Opfer dargebracht für die Gesamtheit, dies ist das Wesen der jüdischen Sittenlehre. Gleichheit und Nächstenliebe sind wesenlose Worte, so sie nicht in der werkthätigen Liebe zum Ausdrucke gelangen. So stellen sich uns in den Aussprüchen der drei Weisen drei Entwicklungsstufen der Sittenlehre dar; Anfangs- und Zielpunkt derselben aber sind nach dem Jubilar die Einheit Gottes und die Einheit des Menschengeschlechtes. Uno wenn wir den Lauf der Völkergeschichte aufmerksam verfolgen, finden wir da mcht gerade in den letzten Jahrhunderten das Bestreben der Zusammenfassung kleinerer Gemeinwesen zu immer größeren Staatengebilden und läßt uns dies nicht einen Blick in die Zukunft thun, wo alle Völker zu einer, großen Völkerfamilie sich zusammenfinden? Die Bibel erzählt uns von einem Strome, der dps Paradies bewässerte, außerhalb desselben aber sich in vier Hauptströme teilte. Haben wir hierin nicht ein Bild des Verhältnisses der Religionen und der Völker zu einander? Sowie aber die Wasser alle wieder zu ihrem Ursprünge zurückkehren, so sollten auch die Menschen sich ihres Ursprunges bewußt werden und durch Anerkennung der Einheit Gottes die Einheit des Menschen- geschlechtes herbeizuführen und dadurch ein Paradies auf Erden zu gründen suchen. Dann würde verwirklicht die Fernsicht, welche uns die Profeten eröffnen und der der Jubilar am Schluffe seiner Sittenlehre begeisterte Worte leiht. Möchten doch seine dort niedergelegten Wünsche und Hoffnungen von den Edlen aller Nationen und Bekenntnisse geteilt werden, und dies wäre ihm wohl der schönste Lohn für sein schriftstellerisches Wirken.