Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-09-01 · Heft 9 (1.9.1886) · p. Seite 196

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 9 (1.9.1886)
Date
1886-09-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969919-2969929--1743-2976355
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

196 Hat der Jubilar diesen Kampf siegreich zu Ende geführt oder vielleicht gar den noch wichtigeren gegen die Verächter der Religion überhaupt? Ich glaube, er wird mir diese Frage verneinen und auch dem nicht widersprechen, daß jeder Rabbiner gar manchen Wünsch, gar manches Streben und gar manches Hoffen in das Grab sinken sieht Es werden Geschlechter kommen und gehen, es werden die Geschicke der Völker noch mehr als einmal wechseln, bevor die Religion in ihrer reinsten Gestalt Geist und Herz der Menschen erobert. Aber für das Höchste und Edelste gestritten zu haben, ist an und für sich schon des Verdienstes und des Lohnes genug. Und dann, wer im Weinberge des Herrn arbeitet, der muß, um mit Jesaias zu redech darauf gefaßt sein, daß er nicht blos Edeltrauben, sondern zuweilen auch sauere Trauben erntet. Jedoch am Tage der Ernte grämt man sich nicht über die Saatkörner, die nicht aufgegangen oder mißraten sind, sondern man freut sich der Fülle und Güte der eingeheimsten Frucht. Ja, freuen wir uns der vollen Garben, die der Jubelgreis als Rabbiner während eines halben Jahrhunderts zur Reife gebracht zu Nutz und Frommen der ihm anvertraute» Gemeinden. Mittelmäßig veranlagte Menschen glauben das höchste geleistet zu haben, wenn sie das ihnen zugewieseue Arbeitsfeld getreulich bebauen; reichbegabte Naturen verspüren in sich die Kraft und den Drang, sich selbst noch weitere Ziele zu stecken, über den engern Pflichtenkreis hinaus nach Höherem zu streben. Ein solcher Mann ist unser Jubilar. Die Arbeitsfnlle, welche der große Sprengel dem Rabbiner aufbürdete, pflichtgetreu bewältigend, war er durch sein reiches Wissen und die Tiefe der Auffassung berufen, einzutreten in den Freistaat der Gelehrten, mitzuwirken am Aufbau der Wissenschaft des Judentums, der Wissenschaft überhaupt. Zeuge deß sind zahlreiche in den verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften niedergelegte Arbeiten, Predigten, eine Schrift über die Zustände und Kämpfe, ganz besonders aber das Hauptwerk seines Lebens, die „Sittenlehre des Judentums andern Bekenntnissen gegenüber." . Es ist das Gotteshaus der hiezu passende Raum nicht, und auch die zur Verfügung stehende Zeit gestattet es nicht, diese Arbeiten iin Einzelnen einer genauern Besprechung zu unterziehen. Ich will darum nur im Allgemeinen hervorheben, daß die im Drucke vorliegenden Reden durch Gedankentiefe, strenge Gliederung, Adel und Kraft der Sprache sich auszeichnen. Der Jubilar hat sich seine Aufgabe nicht leicht geinacht, sondern, breit getretene Pfade verlassend, hat er immer den Zweck ernster Belehrung und geistiger Anregung zn erfüllen gesucht. Ich will auch nicht aus selnen wissenschaftlichen Arbeiten von Neuein die Goldkörner ausgraben, womit er die Schatzkammer der Wissenschaft bereichert hat. Ich müßte sonst zurückgehen auf die ersten Anfänge der Religion, welche die älteste Tochter des Judentums ist, müßte hervorheben, wie er in strenger Wissenschaftlichkeit und nicht minder strenger Wahrheitsliebe so manchen durch Jahrhunderte sich forterbenden Irrtum auf sein Nichts zurückführt. Warum im alten Judäa Sklavenaufstände und Auflehnung der Armen gegen den Staat nicht stattfanden wie in den übrigen Kulturstaaten des Altertums, das wird demjenigen klar werden, der seine Forschungen über Ifrmen- und Sklavenwesen mit Aufmerksamkeit verfolgt. Welch' falsche Anschauungen und Anschuldigungen werden nicht heute noch, selbst in sogenannten wissenschaftlichen Kreisen, in Bezug auf die Pharisäer vorgebracht und verbreitet, weil mander Wahrheit nicht gerade ins Auge schauet, sondern bequem von der ererbten Meinung sich gängeln läßt? Die Pharisäer, denen daS Judentum in seiner edelsten Gestalt den Fortbestand verdankt, der Heuchelei und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.