Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1886)
- Date
- 1886-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 177 — dächtigungen einen Brief an die Bevollmächtigten, in welchem er seine Demission so lange zurücknahm, bis eine Untersuchungskommission die Wahrheit jener Beschuldigungen gewissenhaft geprüft habe. Nicht wie ein Verbrecher wollte er davon gehen, der bange ist vor einem strengen Gerichte. Ganz Deutschland sollte sehen, wie mau gegen ihn gehandelt habe, sollte das ihm zur Last gelegte Verbrechen kennen lernen! Nur insofern betrachtete er sich außer amtlicher Thätigkeit, als er von diesem Tage an kein Gehalt anvähme! Die Kommission erkannte die Neilapredigt trotz der Verdächtigungen der genannten Gegner für eine durchaus selbständige Arbeit! Der größte Teil der Genossenschaft erwartete nun, daß die Bevollmächtigten ihr begangenes Unrecht gestehen, und den gliebten Prediger im Amte erhalte» würden. Aber es fehlte den Männern der Mut. Man berief sich auf die Schwäche des jungen Mannes, der sogleich seine Demission gegeben habe, obgleich dieser dieselbe gleich desavouiert hatte. Man berief sich auf die Jugend Friedländers und daß noch kein schriftlicher Kontrakt vorliege! Dr. Stern und sein Anhang drohten mit ihrem Austritte, wenn Friedländer beibehalten würde. So begnügte sich denn Friedländer, dem es schon zuwider war, auf solchem Boden zu stehen, mit der schriftlichen Erklärung des Vorstandes: „daß die Anschuldigung eines Plagiats als nicht begründet befunden worden sei." So schied Friedländer von Berlin, ohne die glänzende Genugthuung, die'ihm aus der Gemeinde in Aussicht gestellt war, zu empfangen. „Leben sie wohl! Gott verzeihealle denen, welche Sie so schwer gekränkt haben" sagte ihm ein Ehrenmann. Friedländer hatte ihnen längst verziehen. Er schied von Berlin schlecht belohnt für seine Hin-. gebung und Wirksamkeit aber um eine Lebenserfahrung reicher: Aufstre-! benden folgt immer der Neid, aufrichtiges Streben, Wahrheit u>«d Entschiedenheit j werden immer verdächtigt und verfolgt! Merken wir noch für uns die von Friedländer gerügte Thatsache, daß in dem Vorstande „Leute gewählt wurden, die seit vierzig Jahren kein Wort über jüdische Angelegenheiten vernommen hatten, die weiter kein Verdienst haben, als gefüllte Taschen, ferner Leute, die von höchst mittelmäßiger Bildung, nur durch ihre, allerdings recht anerkennungswerte Bereitwilligkeit in Geldspenden einigen Einfluß und eine Stimme erhalten durften, Leute, die von allen Farben, nur nicht von der Farbe der Religion des Judentums, besonders bei einem so wichtigen Unternehmen urteilen können, endlich kleine wohl sehr tüchtige Aerzte, die alle Krankheiten trefflich zu behandeln wissen mögen, aber die über den Krankheitszustand des Judentums wahrlich keine richtige Diagnose stellen können." Wir haben diese Mitteilungen der Broschüre: „Mein Verhältnis zur Neformgenossenschaft und mein Abgang von Berlin von Dr. S. Friedländer (Leipzig, W. Jurany 1847) entnommen. Friedländer fand kurz nach seiner Rückkehr eine Anstellung an der Haindors'schen Stiftung in Münster als Religionslehrer. Alexander Haindorf, der verdiente Gründer des Lehrerseminars in Münster, hatte mit scharfem Auge die hervorragende Begabung Friedländers zu schätzen gewußt. Gleichzeitig war Friedländer Prediger der damaligen Reformgemeinde in Münster und Geistlicher am dortigen Strafhause. Sein freier, erhabener Geist teilte sich den Zöglingen des Seminars, wie dem Publikum des Gotteshauses mit. Eine Anzahl Predigten über „die Propheten" in fortlaufender, zusammenhängender Reihe sind hier entstanden, und unter dem Titel „das Leben der Propheten" (1. Samuel. In Kanzelvorträgen