Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-07-01 · Heft 7 (1.7.1886) · p. Seite 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 7 (1.7.1886)
Date
1886-07-01
Page
Seite 156 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2969669-2969919-2969927--1702-2976312
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

156 , Städte nahmen diese Botschaft keineswegs mit dem von der Regierung vorausgesetzten Enthusiasmus auf, sie scheuten sich nicht, den Abgesandten offen zu erklären, dag, so lange die Regierurg die der jüdischen studierenden Jugend gewährten und von den bestehenden Gesetze,! garantierten Rechte nicht bewillige, die Judenschaft von ihr keine Hülfe zum Zwecke der Ausbildung ihrer Kinder annehmen wolle, weil — meinten sie — „so lange unseren gebildeten Kindern die ihrer Bildung entsprechende» und von, Staate genehmigten Privilegien und Prärogative vorenthalten werden nur ans dem Grunde, weil sie Juden sind, wir wohl von derjenigen Bildung, mit welcher die Regierung uns beglücken will, keinen Nutzen ziehen können, denn sollten wir unsere Kinder dieser Wohlthat, in den von der Negierung für sie zu gründenden Schulen ausgebildet zu werden, teilhaftig werden lassen, so bleibt uns, nach dem bisher herrschenden Usus, welchen man in Betreff der gebildeten jüdischen Jugend stets in Anwendung brachte, nichts anderes übrig/ als unsere Religion zu verleugnen und unsere Kinder als andersgläubige zu erziehen.'»" An dieser gerechten Forderung der Wilnaer und Minsker Juden scheiterte die Mission des l)r. Lilienthal vollständig, es wurden Worte gesagt, Thatsachen enthüllt, deren Nichtigkeit er tief empfand, die er aber doch nicht wiederholen konnke, schon deshalb nicht, um sich nicht als Denunziant seiner eigenen Brüder zu repräsentieren. Die Juden in Pole» waren leider bis dahin nur zu oft belehrt worden, was sie von den ihnen versprochenen Wohlthaten zu hoffen hatten, und so wollten , sie sich auch nicht blindlings ihren sich aufdringende» Freunden in die Arme werfen. Die Regierung meinte es jedoch diesmal wirklich gut mit den Jude», sie wollte dieselben geistig und körperlich ausbilden, sie hegte den Wunsch, ihre jüdischen Unterthanen von der auf ihnen lastenden Not zu befreien, und indem sie ihnen gebildete Lehrer und Rabbiner geben wollte, welche gleichzeitig als Vermittler, zwischen der Gemeinde und den Behörden fungieren sollten, beabsichtigte sie, den jüdischen traurigen Kommunal-Verhältnissen, an welchen einzig und allein die an der Spitze der Gemeinden gestandenen jüdischen Vorsteher — Depntirte genannt — die größte Schuld trugen, ein Ende zu machen. Am 16. Nov. 1644 wurden in allen größeren von Inden bewohnten Städten jüdische Elementar- und Realschulen eröffnet, in welchen ersteren Kinder vom 8. Lebensjahr an Unterricht im Hebräischen und Russischen, in der jüdischen Religion, im Rechnen, in der Geographie re. empfingen. In den Realschulen, in welchen nur überhaupt solche Knaben anfgenommcn wurden, welche die Elementarschule beendigt hatten, wurde außer den gewöhnlichen Lehrgegenständen' auch noch die Buchführung, und in Schulen, welche sich in Rayon von Juden- Koionieu befanden, ward noch Botanik und Geodäsie theoretisch gelehrt. Die Rabbinerschnlen, deren voller Kursus 10 Jahre dauerte, zerfielen in zwei Abteilungen; in der einen wurden allgemeine Disziplinen für Lehrer und Rabbiner gemeinschaftlich unterrichtet, in der zweiten aber ward nur Theologie'im engeren Sinne vorgetragc», jedoch konnte niemand Rabbinerstudien unternehmen, ohne zuvörderst den Lehrerkürsus durchgemacht und das Lehrer-Examen gut bestanden zu habe». Die UiNcrrichtsgegenstände in den Rabbinerseminarien waren: die russische, deutsche und französische Sprache, die höhere Mathematik, Physik, Geographie im Allgemeine» und die des russischen Reiches im Besonder«, russische Litteraturgeschichte, Weltgeschichte und die Geschichte Rußlands sowie noch Logik, Schön- '< S'tlicutljal: meine Reise i» Rußland,' jud Wochenblatt 1356 Nr. 36.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.