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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-07-01 · Heft 7 (1.7.1886) · p. Seite 155

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 7 (1.7.1886)
Date
1886-07-01
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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dWSMWWWWW m — 155 — und mehrere Universitäts-Grade zu erlauben für würdig befunden wurden. Leider ward ihnen bei solchen Gelegenheiten ihre Abstammung immer ein Hindernis, ihre mühsam erworbenen Kenntnisse in der Praxis zu verwerten und der mit solchen glänzenden von ihnen errungenen Wissenschaftsgraden verbundenen Rechte und Privilegien teilhaftig zu werde». Die Behörden hielten sich gewöhnlich strikte an dem Wortlaut des 1802 erlassenen Ukases, daß ein Jude, welcher seine Studien als Mediziner absolviert hat, erst dann einen Staatsposten antreten könne, wenn er zuvörderst seine Religion abgeschworen habe.H So stellte die Universität zu Wilna, welche nachmals nach Kiew unter denk Namen „Wladimirsche" verlegt wurde, im Jahre 1819 an den damals amtierenden Kultusminister Gagarin die Frage: ob einem die medicinische Fakultät absolvierenden Juden die Staatsrechte zu gewähren seien? worauf der Entscheid unter dem Borbehalte, daß der betreffende seine Religion wechseln würde, mit „Nein" erfolgte. Noch l836 wurde einem jüdischen Arzte der Eintritt als solcher in den Militärdienst, trotz des Gesetzes von 1835, tvelches denselben dazu berechtigte und ihn von allen Staats- und Geineindeabgaben befreite,^) versagt. Diese Willkürlichkeitcn der Gesetzesausleger und die Hemmnisse, welche der jüdischen studierenden Jugend seitens der Behörden ans ihren Lebenspfad gelegt tvnrden, schreckten jedoch die Juden nicht im mindesten von deni Wunsche ab, ihre Kinder auszubildcu. Obwohl sie immer recht gut wußten, daß ihre gebildeten Kinder vom Staate nichts zu erwarten haben, waren sie trotzdem beflissen, in der Bildung einen Born des Heils für ihre Sprößlinge zu suchen, weil sie nur zu gut überzeugt waren, daß an ihrer ganzen Misere im Leben und an ihrer exklusiven Stellung, welche sie den andern Staatsbürgern gegenüber einnahmen nur der Mangel an einer zeitgemäßen Bildung und an Kenntnis der russischen Landessprache allein schuld seien, und beschlossen daher, ohne staatliche Beihülfe Schule» zu gründen. Die ersten jüdischen Schulen wurden von den Juden selbst in Odessa, Neu-Rnßland, unter der Direktion eines Gelehrten, namens Stern, in Kischinew, Bessarabien unter der Leitung eines Herrn Goldenthal und in Riga, Kurland, unter der Oberleitung des unlängst in Amerika verstorbenen Rabbiners Herrn Or. L i l i e n t h a l gegründet. Mit Wohlgefallen beobachtete die Regierung dieses zivilisatorische Wirken der Judenschaft, sie war wirklich froh, daß die Juden selbst die Initiative zu ihrer eigenen Ausbildung ergriffen hatten und dachte auch die polnischen und lithauischen ».Juden zur Eröffnung jüdischer Schulen zu veranlassen. Zu gut bekannt jedoch mit dem Zustande dieser armen jüdischen Distrikte und zu gut eingeweihet in die Machinationen, welche die Behörden bis dahin der jüdischen studierenden Jugend gegenüber ausgeübt hatten, beschloß sie daher zuerst die Stimmung der Judenschaft dieser polnischen und lithauischen Distrikte rekognoszieren zu lassen. Zu diesem Behufe entsandte der Minister Uwarow den benamten Herrn Dr. Lilienthal in Begleitung einer jüdischen höchst ehrenwerten Persönlichkeit, Herrn L. Rosenthal, nach Wilna und Minsk, um die dortigen Judenschaften auf die Wohlthat. Unterrichtsanstalten rein jüdischen Charakters in den von ihr benachbarten Ortschaften zu eröffnen, vorzubereiten. Die Juden dieser 4) Ministerial-Erlasse T. 1 1802—25 p. 802. 2) Jbid. T. 1 1802 p. 396. 3) Jbid. T. 5 §§ 191—92 und Anmerkungen zu §§ 79, 80, 82 und 833.

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