Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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134 lichkeit mit ein paar Worten einzüleiten. Sie werden mir, einem Israeliten, es , um so eher gestatten, da mein Herz nberströmt von freudiger Rührung, — von freudiger Rührung über das Glück, welches der herrliche Frühling des Jahres 1848 meinen Glaubensgenossen in Deutschland hat gebraut, das Glück, wonach sie so lange vergeblich haben geschmachtet! O herrliche Zeit! Hier stehe ich, ein Jude, in der Reihe christlicher Geistlichen, um wie sie meine Stimme an das Volk zu erheben. Könnte ein schönerer, ein lebendigerer Beweis gegeben werden von dem so herrlich erwachten Geiste der allgemeinen Duldung und Menschen- * liebe? Könnte es schöner au den Tag gelegt werden, daß wir Alle, die wir Menschen, Gottes Kinder sind, uns als solche auch betrachten und uns wie Brüder lieben? O herrliche Zeit! wiederhole ich, da die liebliche Frühlingssonne der Menschenliebe durchbrochen hat den düsteren Nebel des Menschenhasses, welcher wie ein trauriges Leichentuch Jahrhunderte lang über Deutschlands Gefilde ausgebreitet war. Meine Brüder, so nenne ich Sie, denn wir sind es ja in dem wahren Sinne des Wortes! Meine Brüder, es ist gegenwärtig in Erfüllung gegangen, was längst Männer von Geist und Herz haben gedacht und auszusprechen gewagt. Die Schranken sind gefallen, die bisher den Bruder vom Bruder schieden, und Jedweder, auch der Höchste und Vornehmste, ist iitne geworden, er sei nur Mensch, er sei nicht von besserem Stoffe als der Bruder mit der Karres als der Bruder auch, tvelcher eine andere Weise und Sitte von seinen Vätern hat geerbt, sein Gebet zu-erhebe» zu dem großen Weltengeiste, dem Schöpfer und Vater aller Menschenkinder. In diesem Sinne,meine Brüder, lassen Sie auch uns diese Fahne weihen; « sie sei für uns das heilige Sinnbild der Eintracht und Liebe. Für Herfords Beivohner insonderheit sei sie das Panier des Friedens, welches alle seine Bewohner um sich einigt, ohne Rücksicht des Standes, des Berufes, der Religion. » Um dieses Panier schaart euch, ihr Reichen, ihr Armen, ihr Hohen, ihr Niedrigen, ihr Gelehrten, ihr Ungelehrten, ihr Beamten, ihr Richter, ihr Handwerker, ihr Arbeiter, ihr Christen, ihr Inden, kurz ihr Alle, wes Standes und Namens ihr seid, schaart euch um dieses Panier, und reichet euch brüderlich die Rechte! und „so wie die verschiedenen Farben der Fahne zu einem harmonischen Gaiizen verschmelzen, so bildet auch ihr ein schönes harmonisches Ganze! Lasset fern bleiben ans Herfords Mauern die Zwietracht, die Uneinigkeit, den Neid, den Haß! Schaart euch um dieses Panier, so' es gilt die Ruhestörer zu bestrafen, so es gilt, einem Bruder in der Not beiMstehen, so es gilt, den Frieden der Stadt aufrecht Zll erhalte», so es gilt, den schwachen vor der Ungerechtigkeit des Stärkeren zu schützen! Diese Fahne erinnert uns durch ihre Farben ferner daran, daß wir dem großen, deutschen Lande angehören, erinnert uns an die vielen Fahnen Deutschlands von gleicher Farbe, erinnert uns an die Millionen, welche beseelt sind von gleichen Gesinnungen, welche gleiche Liebe im Herzen hegen. Diese Millionen ' gehören uns an, denn ihre Herzen schlagen für uns, sie wollen sämmtlich ein Reich von Brüdern mit uns ausmachen, daß ein heiliges Band der Liebe uns mit ihnen umschlinge. Kommen w i r de n n auch unfern deutschen Brüdern mit einem deutschen Herzen entgegen; mit einem Herzen, welches entbrannt ist für Deutschlands Ruhm und Deutschlands Glück, rufen wir mit Mund und Herz: Heil uns! Wir sind Deutsch e! j D, wie wallet mein Busen bei den Worten: Wir sind Deutsche! Längst schon haben wir gerufen: Wir sind Deutsche, aber man wollte uns nicht glauben!