Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 133 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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133 * wmmmmmmmm Aus den Pinterkassenen Uapieren meines HnKets. Die „Monatsblätter" erneuerten in ihrer letzten Ausgabe das Andenken an Börne und Lessing. Gewiß alles Denkwürdige von diesen unseren Geisteskoriphäen ist von höchstem Interesse. Indes ist es hauptsächlich das Außergewöhnliche, das Besondere, durch welches große Geister uns intcressiren. Auch Kundgebungen aus der Gesammtheit, Manifestationen sogenannter „kleiner Geister", haben ihren Wert. Als Vervollständigung eines allgemeinen Geschichts- und Zeitbildes sind Details, sind an sich unbedeutende Kundgebungen der herrschenden Stimmung und Gefühlsweise notwendig, sie sind der Hintergrund, der zum Verständnisse notwenige Boden, auf welchem sich die hervorragenden Größen in festen Contouren erheben. Mein verstorbener Onkel war ein schlichter Lehrer und Prediger in Herford. In der Erfüllung seiner Pflicht und den Obliegenheiten seines Amtes seine Befriedigung, im Glücke stiller Häuslichkeit Erholung von den mancherlei Beschwerden seines Berufes suchend, vermied er mehr als er sie aufsuchte die Oeffentlichkeit, jedwede äußere Zuschaustellung. Je mehr aber in der Zurückgezogenheit das tiefere Gefühl beherrscht und zurückgedrängt wird, um so kräftiger sucht es bei vorkommenden Gelegenheiten zu seinem Rechte zu gelangen und droht gewaltsam die Grenzen zu überfluten. Es ist das besonders bei sonst friedlichen, ruhigen Gemütern der Fall. Das Jahr 1848, welches auch den Juden in Wirklichkeit die ihnen so lange von höchster Stelle verheißene Emanzipation brachte, war einem Gefühlsausdrucke in stärkstem Maße von Seiten der lange gedrückten Juden besonders günstig. Ihnen ging eine neue Sonne auf, strahlte ein neuer Frühling. Kein Wunder daher, daß die allgemeine Bewegung auch de» schlichten, einfachen Prediger begeisterte, und zu sonst ungewohntem Gefühlsaufschwunge fortriß. Höheren Schwung der Rede, Wohllaut und Anmut der Worte besäß der Mann, von dem wir reden, nicht; dagegen finden wir bei ihm die einfache Sprache des Herzens, den kräftigen Brustton überzeugungsvoller, fester Gesinnung, — jene Elemente, die allein einen moralische», wie wahrhaft historischen Wert verleihen. Wir erkennen in seinen Worten jene Zeit des Enthusiasmus für alles Große, Schöne und Gute wieder, die Deutschland in jenen Tagen beglückte, und welche so grell absticht gegen den einseitigen, kleinlichen Geist des Glaubenshasses und Antisemitismus, der heute wie ein schädliches Insekt an der Blüte des deutschen Volkes nagt. Die Stadt Herford hatte im Jahre 1848 sich eine Fahne angeschafft, die in den bis dahin verpönten und für revolutionär gehaltenen deutschen Farben prangte. Eine allgemeine Begeisterung rief der Tag der Fahnenweihe hervor. Die Geistlichkeit der Stadt sollte der Fahne die religiöse Weihe geben, unter ihnen befand sich auch der jüdische Prediger, dem heute zum ersten Male diese Auszeichnung zu teil ward. Er war in seiner Amtstracht erschienen. Man kann sich denken, mit welchen Gefühlen und mit welcher gespannten Aufmerksamkeit der Zuhörer der Prediger seine Ansprache begann. Er sprach Folgendes: Hochzuverehrende Versammelte! Da die verehrten Bewohner Herfords an mich die Aufforderung haben ergeheil lasse», als Vertreter der jüdischen Einwohnerschaft bei der feierlichen Ceremonie der Fahnenweihe zugegen zu fern, so erlaube auch ich mir, diese Feier- 4 4 •4 i