Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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MMWWWWWW — 130 — Keuschheit gefährlich werden konnte.l) Bei den äußerst lockern Sitten der damaligen römischen Damen, welche Kaiserinnen und Prinzessinnen vom Schlage einer Julia, einer Messaline, einer Fanstina u. s. w. aufzuweisen hatten, entbehren diese Erzählungen durchaus nicht aller Wahrscheinlichkeit. Juden lebten überdies in allen Teilen des großen römische» Reichs, sie waren besonders zahlreich in Alexandrien und Antiochien; Rom selbst war schon lange vor dem Beginne der christlichen Zeitrechnung der Sitz einer ansehnlichen jüdischen Gemeinde. Aus der oben angeführten Rede Ciceros ist zu entnehmen, daß die Juden in großer Anzahl bei Volksversammlungen sich beteiligten und keineswegs müßige Zuschauer bei denselben abgaben. Im ersten Jahrhundert nach Christi bestand in Rom eine renoniierte jüdische Hochschule unter dem gelehrten Rabbi Mathia -den Cheresch, welche dem berühmtesten, gleichzeitigen palästinensischen Schulen gleichgesetzt werden konnte. Alles das beweist, wie es den jüdischen Gelehrten nicht an Gelegenheit gefehlt Rom und die Römer recht gründlich zu studieren und kennen zu lernen. Die Sprache, in der die Juden mit den Römern verkehrten, auch wohl disputierten und sich unterhielten, war unzweifelhaft die griechische. Die griechische Sprache hatte im Orient, seit der Zeit Alexanders und seiner Nachfolger, der Selenciden und Ptolemäer, eine sehr große Verbreitung gefunden. Auch die Juden, wenigstens der gebildetere Teil derselben, konnten nicht anders als die griechische Sprache zu der ihrigen machen. Schon unter Ptolemäus Philadelphus wurden die mosaischen Bücher, wie die Sage will, auf Verlangen dieses Königs ins Griechische übertragen, »nicht lange hernach kam auch die Uebersetzung der andern biblischen Bücher zu Stande. Alle jüdischen Schriftsteller schrieben von nun an griechisch. Außer etwa einigen Psalmen, deren Abfassungszeit sehr zweifelhaft ist und die von einigen neuern Kritikern der Makkabäerzeit zugeschrieben werden, ist seit 300 Jahren v. CH. bis zur Zerstörung des Tempels und wohl von zwei weiteren Jahrhunderten, keine hebräische Schrift auf uns gekommen. Griechisch schrieb der jüdische Geschichtsschreiber Josephus Flavins, griechisch schrieben die größtenteils unbekannten Verfasser der Apokryphen und griechisch schriebe» endlich die Verfasser der Evangelien, die doch auch Juden waren. Die frommen Väter des Volkes waren freilich in späterer Zeit mit .dem Eindringen der griechischen Sprache und, was dabei nicht zu vermeiden war, der griechischen Sitte höchst unzufrieden, sie nannten, um auf den Anfang zurückzugehen, den Tag, an dem, unter Ptolemäus Philadelphus die mosaischen Bücher ins Griechische übertragen wurden, einen Unglttckstag für Israel, cs soll um diese Zeit, als verhängnisvolles Omen, dr^i Tage lang eine totale Finsternis geherrscht haben und wurde dieser Tag, angeblich der 8. des Monats Tcbeth, als Fasttag verzeichnet.3) Griechische Sprache und griechische Sitte waren den Eifrigen, den Glaubenstreuen, ei» Dorn, im Auge und gerne hätten sie beide mit Stumpfund Stiel ausgerotlet, wenn sieenur die Macht dazu gehabt hätten. Es wurde wohl die Sage aufgcgriffen, daß schon zur Zeit des Bürgerkrieges zwischen den feindlichen hasmonäischen Brüdern Hyrkan und Aristobul, ein Treuloser der griechischen Sprache sich bedient habe, «in den Tempel und seine Vertheidiger zu verraten und daß dazumal die Erlernung der griechischen Sprache feierlich verboten worden l) Kiduschin 40a,' Aboth di K. Nathan c. 16. 2) Synhedrin 32b. 8) Sopherim c. 1. Fastcnchronik c. 12.