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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-06-01 · Heft 6 (1.6.1886) · p. Seite 128

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 6 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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stimmt der Satz der Selicha: Seine Seele scheidet von ihm, während seines Todes fürchtet er gar sehr. Die zweite Strophe dieser Weise handelt von Leuten, die aus der Not eine Tugend machen, deren fronimes Thun mit ihrem Denken nicht übereinstimmt, die Niedertracht üben würden wenn sie es nur vermöchten: „Vil manger muoz bescheiden wesen dur die not der unbescheiden wäre wan daz im gebot sin meisterschaft, daz er unvuoge mueste lazen dabi so naem’ auch maniger gerade den gesuoch daz lieze er niht dur got. noch dur der Hute vlouch.“ Die Spuren folgender talmudischer Sätze sind in diesem Gedichte zu finden: Gott hasset denjenigen, der anders mit dem Munde und anders mit dem Herzen redet. (Pessachim 113.) Ein gerechtes Maas d. h. man soll nicht anders reden und anders denken. (Bababa mezia 49.) — Strophe 3 lehrt, daß Arm und Reich auf einander angewiesen sind. Die Armut ist mitunter die Hülfe des Reichtums, da sie üfcr. Mittel verfügt, die dem letzteren fehlen. Die Begüterten sind den Dürftigen verpflichtet. „Hefe nie man ze armuoten pßiht der riehen richtuom waer’ ein wiht.“ Ein ähnlicher Gedanke ist ansgedrückt in dem Satze: Mehr als der Hausherr dem Armen leistet, leistet der Arme dem Hausherrn. (Wajikra Rabba c. 34.) In der 5. Weise schildert der Sänger seine eigene Armut in satirischer Weise. Er macht sich über seine Dürftigkeit lustig, giebt den verschiedenen Schattierungen der Nahrungssorgen allegorische Namen, und sucht sich auf diese Art über sein trauriges Schicksal hinwegzutrösten. Diese Art in harmlosem Scherze über die eigene Dürftigkeit zu sprechen ist echt talmudisch, und auch die symbolische Benennungen der Mangelabstufungen sind im rabbinischen Schrifttum zu finden. Süßkind sagt: „rWa hab’ uf unt nihtenvint tuot mit vil dikke leide; her Bigenot von Darbian der ist mir vil gevaere.“ Dem Tenor dieses Gedichtes entspricht die feine wehmütige Selbstironie der Talmudlehrer betreffs der jüdischen Armut. Gott fand keine schönere Eigenschaft für Israel wie die Dürftigkeit. Die Armut ziert das jüdische Volk wie ein roter Zügel einen weißen Zelter. (Chagiga 9.) An die allegorische Armutsbenennungen erinnert der Satz: Wie die Leute sagen: Der Speisegroschen. wird Reiner genannt, der Armutsgroschen wird Unsauber geheißen. Vergleiche Raschi zur Stelle. (Pessachim 111.) Die 6. Weise ist eine beißende Satyre auf die Verstellung. Da wird der Straßenräuber dem verkappten Heuchler, der unter der Maske, das allgemeine Wohl zu fördern, des Volkes Werk erbarmungslos aussaugt, vorgezogen. Der Wolf spricht: „Vil manik man hat guot gemach, den man siht valscheit triben unt gout gewinnen offenbar mit sündeklicher trahte, der tuot wirser vil, dan ob ich näm’ ein genselin.“ Diese Geißelung der arglistigen Hypocrisie läuft auf dieselbe Tendenz hinaus wie folgende talmudische Erzählung: König Janai sprach zu seiner Frau: Fürchte dich weder vor den Pharisäern noch vor den Zaducäern, sondern vor

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