Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1886)
- Date
- 1886-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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124 veranlaßt Gott, die Rechtsache des Armen zu führen, und dessen Räubern das Leben zu rauben.') Gott erhebt sich ob der Bedrückung der Armen, ob dem Stöhnen der Dürftigen.") Er hört den Armen, der ruft, den Dürftigen, der um Hilfe schreit, und rettet.") Er läßt nicht unbeachtet die Klagen der Armen4 5 * * * *) vergißt ihrer nicht und läßt ihre Hoffnung nicht untergehen.") Er ist eine feste Burg dem Gedrückten in der Zeit der 9tot,") eine Zuflucht vor Regenguß, Schatten gegen die Glut. H Er rettet den Dürftigen, der nach Hilfe ruft, und den Gebeugten, der keinen Beistand hat. Er schaut mild auf den Armen und Dürftigen und das Leben der Dürftigen rettet er"). Er rettet den Armen von dem Mächtigeren und von seinen Räubern.") ans der Hand der Bösen. 10 *) Er steht zur Rechten der Dürftigen, um ihnen gegen ihren Verurteilen beizustehen.'') Er führt den Streit des Armen, die Nechtsache der Dürftigen 12) und hebt empor den Dürftigen aus seiner Bedrängnis,'*) gewährt ihm Brot ohne Not,w) so daß die Armen des Heiligen Israels froh werden.lä) Eine solche Auffassung von dem Verhältnisse Gottes zu ihm Armen läßt mit Recht erwarten, daß auch die Aufmerksamkeit der Menschen auf die gedrückte Lage der Armen, auf deren Hülfe und Unterstützung gelenkt werden müsse. Das Judentum thut dies in mehr als ausreichendem Maße, ja es ist weder im Altertnme noch in der Neuzeit in irgend einem Staate oder von irgend einer Religion eine solche ausgedehnte und nach allen Richtungen hin erschöpfende Fürsorge für die Armen zu Tage getreten, wie sie einst im jüdischen Staate wohlgegründet und geübt wurde, und wie sie auch nach der Zerstörung des Reiches von den Lehrern des jüdischen Volkes in einem kaum zu übertreffenden Umfange als religiöse Pflicht empfohlen wurde. Die sorgfältige Beobachtung, die der Armut von dem jüdischen Volke zu teil wurde, beweisen die sieben Namen, die die hebräische Sprache bezeichnend für die verschiedenen Abstufungen der Armut zur Anwendung bringt. Diese sind: Rosch, der Mittellose, Ebion, der Dürftige, Ani, der Elende, der Niedrige, Dal, der Erschöpfte, Dach, der eines Besitzes entblößte, Nach, der Sinkende, Nishon, der in den Mitteln beschränkte. Rosch, der Mittellose'") bildet den Gegensatz zum Reichen, der an allen Mitteln Ueberfluß Hat. Er besitzt gar nichts"), wie der Löwe, der aus Mangel an Nahrung hungert wie der Unglückliche, der seinen Besitz verloren'"), der Herrscher, der Fähigkeit zu regieren nicht hat."") Der Mittellose verdankt entweder der Trägheit-') oder der ungeeigneten unnützen Thätigkeit seine Mittellosigkeit 21), wendet sich aber noch nicht an fremde Hilfe, ist vielmehr zufrieden mit seinem einzigen Schafe22) oder mit seinem mageren Acker""). Freunde und Verwandte bleiben ihm fern, werden seine Hasser, die Reichen beherrschen ihn und darum ist seine Haltung stets eine gedrückte""). Ebion, der Bedürftige2J), hat nicht nur an Ueberflüssigem, sondern an ') Spr. Sal. 22, '22 u. 23. s) Pi. 12,?) Das. 31, 7 u. 72, 12. *) Das. 9, 13. 5) Das. 9, 19. “) Das 9, 10. ') Jej. 23, 4. *) Ps. 72, 13 u 14. -) Das. 35. 10. “>) Jerem. 20, 13. >') Ps. 109, 31. ", Ps. 140, 13. ’3) Das. 107, 41. “) Das. 132, 15. ") Jes. 29, 19. I0) Rosch, der Mittellose, verwand! mit Rösch Kopf, Spitze, Wipfel, das alleinstehende, das nicht geschützte. 17) Sam 2, 12, 3. ,s) Ps. 34, 11. ") Spr. Sal. 31, 7. 20) Kotz. 4, H. 2‘) Spr. Sal. 6. 11; 24. 34; 28, 19. 22) Sam. II, 12, 3 u. 4. **) Spr. Tal. 13, 23; 14, 20; 19, 7; 22, 7; 18, 23. Ebion, der Dürftige, eigentlich der Wünschende, der Wollende, der alles begehrt jRaschi, Deuter. >5, 4), der alles sehnsüchtig wünscht, weil ihm alles fehlt (Ilm Esra das.) und seinen Mangel schmerzlich empfindet (vgl. Spr. Sal. 23, 29).