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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-06-01 · Heft 6 (1.6.1886) · p. Seite 123

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 6 (1.6.1886)
Date
1886-06-01
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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ihren Genüssen im reichen Maße teilnehmen, gewährten ihnen Vorteile und Vergnügungen aller Art, von denen Arme in der modernen Welt ausgeschlossen sind; doch der treibende Punkt für die Armenversorgung Roms und der späteren Bürger in den griechischen Städten war nicht Menschlichkeit, sondern der Eigennutz, der aus Furcht, dem ungestümen Pöbel alles überlassen zu müssen, lieber etwas selbst opfert, ihn mitgenießen läßt um in seinen Vergnügungen nicht unliebsam gestört zu werden. Die Hilfe, die dem Armen gebracht wird, ist eine augenblickliche, nicht um den Armen vom Elend zu befreien; er wird nicht erzogen und gewöhnt sich aus seiner Armut herauszuarbeiten, sondern darin sich am wohlsten zu fühlen und zu versumpfen; er muß in seinem Abhängigkeitsgefühle erhalten und immer mehr daran erinnert werden, um den Zwecken Höherer zu dienen. Die soziale Frage wurde darum nicht gelöst, sondern immer schärfer zugespitzt, bis die Staaten des Altertums daran zu Grunde gingen. Der einzige Staat des Altertums, der die sociale Frage nicht kannte, von ihren Bewegungen, Kämpfen und Erschütterungen verschont blieb, verschont bleiben niußte, war der israelitische Staat. Schon der Mangel an bevorzugten Klassen, der Mangel einer Aristokratie, verhinderte die Gegensätze und selbst der bevorzugte Priesterstamm konnte in Folge seiner Besitzlosigkeit und Abhängigkeit vom Volke von diesem nicht feindlich angesehen werden. Die nahezu ausschließliche Beschäftigung des Volkes mit dem Ackerbau, die Gesetzgebung über Grund und Boden, seine Verfassung und vorzugsweise der Monotheismus mit seinen Lehren von der Gleichheit der Menschen, von der Menschenliebe war es, welcher mit der ganzen neuen Auffassung der Besitz- oder Armenfrage eine solche im vorhinein unmöglich machte und die einzigen Mittel zu deren Lösung bietet. Welche Stellung das Judentum zur Armut, deren Linderung, Bekämpfung und Beseitigung einnimint, kann auf dem kürzesten Wege erfaßt werden, wenn das Verhältnis Gottes zu den Armen, wie es in der heiligen Schrift zu wiederholten Malen erörtert wird, einer genauen Betrachtung unterzogen wird. Gott, sein Wille oder sein Weltenplan ist die Ursache des Reichtums und der Armut, er macht arm und macht reich, er erhebt aus dem Staube den Armen, von dem Kothe den Dürftigen, um ihn neben die Vornehmen zu setzen und teilt den Thron der Ehre ihnen zu.l) Es gilt darum wie eine Lästerung Gottes, des Schöpfers, den Besitzlosen zu verspotten,2) den Armen zu bedrücken;2) während es von richtiger Erkenntnis des göttlichen Wesens zeigt, die Sache des Dürftigen und Bedrängten zu führen und zu der Seinigen zu machen.4) Denn jede Gunst, jede Wohlthat, dem Armen erwiesen, betrachtet Gott, wie ein ihm selbst gemachtes Darlehen, zu dessen Rückzahlung Gott sich verpflichtet fühlt,5) oder wie eine ihm erwiesene Ehre.^) Darum ist die hochherzige Behandlung des armen Schuldners eine fromme Handlung7) und führt den Segen Gottes in allen Unternehmungen herbei.8 9) Gott verlangt es als Abtragung der Dankesschuld von Israel für die Befreiung aus Aegypten, daß der verarmte Hebräer, der sich als Sklave verkauft hatt, nach Vollendung der Dienstzeit mit reichen Geschenken entlassen werde.2) Eine Sünde aber ist es, dem Armen ein Darlehen zu verweigern,l0) oder dem armen Taglöhner den verdienten Lohn, den er zu seinem Unterhalte braucht, zurückzuhalten.u) Die Bedrückung oder Benachteiligung des hilflosen Armen ') Sam. 2, 7. -) Spr, Sal. 17, 5. 3) Das. 14, 31. *) Irrem. 22, 16. 6) Spr. Sal. 19, 17. -) Das. 14, 31. ’) Deuter. 24, 13. Das. 15, 10. ») Das. 15, 15. >°) Das. 15, 9. '') Das. 24, 15. 11 *

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