Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1886)
- Date
- 1886-05-01
- Page
- Seite 109 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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109 solchen Grundsätze» »nd solcher Erziehung ein so edles und erhabenes Gemüt sich gleichsam selbst Hilden sollte? Welche Beleidigung! So ist alle unsere Sittlichkeit dahin! So! regt sich in uns kein Trieb mehr für die Tugend! So ist die Natur stiefmütterlich gegen uns gewesen, als sie die edelste Gabe unter den Menschen ausgeteilt, die natürliche Liebe zum Guten! Wieweit bist du, gütiger Vater, über solche Grausamkeit erhaben! Wer sie näher kennt, teuerster Freund, und ihre Talente zu schätzen weiß, dem kann es gewiß an keinem Exempel fehlen, wie leicht sich glückliche Geister ohne Vorbild und Erziehung eiiiporschwinge», ihre unschätzbaren Gaben ausarbeiten, Geist und Herz bessern, und sich in den Rang der größten Männer erheben können. Ich gebe einem jeden zu bedenken, ob Sie, großmütiger Freund, nicht die Rolle der Juden .im Schauspiele übernommen hätten, wenn Sie auf Ihrer gelehrten Reise in seine Umstände gesetzt worden wären. Ja, ich würde unsere Nation erniedrigen, wenn ich fortfahren wollte, einzelne Exempel von den edlen Gemütern anzuführen. Nur das Ihrige konnte ich nicht übergehen, weil es so sehr in die Angen leuchtet und weil ich es allzuoft bedauere. Ueberhanpt sind gewisse menschliche Tugenden den Inden gemeiner als den meisten Christen. Man gedenke den getvaltigen Abscheu, den sie füt'eine Mordthat haben. Kein einziges Exempel wird man anführen können, daß ein Jude (ich nehme die Diebe von Profession ans) einen Menschen ermordet haben sollte. Wie leicht wird es aber'nicht manchem sonst redlichen Christen, seinem Nebenmenschen für ein bloßes Schimpfwort das Leben zu rauben? Man sagt, es sei Niederträchtigkeit bei den Inden. Wohl! Wenn Niederträchtigkeit Menschenblut verschont, so ist Niederträchtigkeit eine Tugend. > Wie mitleidend sind sie nicht gegen alle Menschen, wie milde gegen die Armen aller Nationen! Und wie hart verdient das Verfahren der meisten Christen, gegen ihre Armen genennt zu werden! Es ist wahr, sie treiben diese beide Tugenden fast zu weit. Ihr Mitleiden ist all zu empfindlich und hindert beinahe die Gerechtigkeit und ihre Mildigkeit ist beinahe Verschwendung. Allein wenn doch alle, die aussckpveifen, auf der guten Seite ausschweiften! Ich könnte noch mehr von ihrem Fleiße, von ihrer bewundernswürdigen Mäßigkeit, von ihrer Heiligkeit in den Ehen hinzusetzen. Doch schon ihre gesellschaftliche Tugenden sind hinreichend genug, die Göttingische Anzeigen zu widerlegen; und ich bedanre den, der eine so allgemeine Verurteilung ohne Schauern lesen kann. Ich bin u. s. w. Es ist zu bedauern, daß die Unterschrift dieses Briefes ausgelassen worden ist und daß Lessing ans übcrtriebcnc» Bedenken denselben anonym veröffentlichen zu müssen glaubte. Der Verfasser wäre unbekannt geblieben,, wenn er nicht in zweifelloser Weise in dem anonym erschienen Bande „Die Chronologie des Theaters (v. O. 1775 in —12}“ erwähnt worden wäre. Daß nun unser jüdischer Philosoph, dessen Stil ja auch leicht zu erkennen ist, den von Lefsing veröffentlichten Text wirklich geschrieben hat, daß unser Brief also mit Recht die Unterschrift „Moses Mendelssohn" tragen darf, scheint auch ans folgendem Umstande hervorzugehen: «schon zu Mendelssohns Lebzeiten machte dieses Schreiben sofort einen großen Eindruck, so daß der Göttinger Kritiker, nachdem er dasselbe gelesen, seine erste Behauptung so zu sagen widerrief; denn in den Göttingischen Anzeigen (in demselben Bande, 1754, S. 1293) sagt er ausdrücklich, er habe nicht die Behauptung aufstellen wollen, daß der Adel des Charakters und die Hoheit der Gesinnung bei den Juden unmöglich sei.