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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-05-01 · Heft 5 (1.5.1886) · p. Seite 108

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 5 (1.5.1886)
Date
1886-05-01
Page
Seite 108 (sequence 12)
Language
German
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— 108 — Welche Schande für das menschliche Geschlecht! Ungegründet? Welche Schande für ihn! Ist es nicht genug, daß wir den bittersten Haß der Christen auf so manche grausame Art empfinden müssen; sollen auch diese Ungerechtigkeiten wider uns durch Verleumdungen gerechtfertigt werden? Man fahre fort uns zu unterdrücken, man lasse uns beständig mitten unter freien und glückseligen Bürgern eingeschränkt leben, ja man setze uns ferner den: Spotte und der Verachtung aller Welt aus; nur die Tugend, den einzigen Trost bedrängter Seelen/ die einzige Zuflucht der Verlassenen, suche man uns nicht gänzlich abznsprechen. Jedoch man spreche sie uns ab, was gewinnen die Herren Recensenten dabei?. Ihre Kritik bleibt dennoch unverantwortlich. Eigentlich soll der Charakter des reiseichen Juden (ich schäme mich, wenn ich ihn von dieser Seite betrachte) das Wunderbare, das Unerwartete in der Komödie sein. Soll nun der Charakter eines hochmütigen Bürgers, der sich zum türkischen Fürsten Machen läßt, so unwahrscheinlich nicht sein, als eines Inden, der großmütig ist? Lasst einen Menschen dem von der Verachtung der jüdischen Nation nichts bekannt ist, der Aufführung dieses Stückes beiwohnen; er wird gewiß, während des ganzen Stückes, für lange Weile gähnen, ob es gleich für uns sehr viele Schönheiten hat. Der Anfang wird ihn auf die traurige Betrachtung leiten, wie weit der Nationalhaß getrieben werden könne und über das Ende wird er lachen müssen. Die güten Leute, wird er bei sich denken, haben doch endlich die große Entdeckung gemacht, daß Juden auch Menschen sind. So menschlich denkt ein Gemüt, das von Vorurteilen gereinigt ist. Nicht daß ich durch diese Betrachtung dem Lessing'schen Schauspiele seinen Wert entziehen wollte; keineswegs! Man weiß, daß sich der Dichter überhaupt und insbesondere wenn er für die Schaubühne arbeitet, nur nach der unter dem Volke herrschenden Meinung zu richten habe. Nach dieser aber muß der unvermutete Charakter des Juden eine sehr rührende Wirkung auf die Zuschauer sein. Und soweit ist ihm die ganze jüdische Nation viele Verbindlichkeit schuldig, daß er sich Mühe gibt, die Welt von einer Wahrheit zu überzeugen, die für sie von großer Wichtigkeit sein muß. Sollte diese Recension, diese grausamme Seclenverdammnng nicht aus der Feder eines Theologen geflossen sein? Diese Leute denken der christlichen Religion einen großen' Vorschub zu thun, wen» sie alle Menschen, die keine Christen sind, für Meuchelmörder und Straßenräuber erklären. Ich bin weit entfernt von der christlichen Religion so schimpflich zu denken, das wäre unstreiig der stärkste Beweis wider ihre Wahrhaftigkeit, wenn man» sie festzustellen alle Menschlichkeit aus den' Angen setzen müßte. Was können unsere strengen Beurteiler, die nicht selten ihre Urteile mit Blut besiegeln, Erhebliches vorrücken? Laufen nicht alle ihre Vorwürfe auf den unersättlichen Geiz hinaus, den sie vielleicht durch ihre eigene Schuld bei dem genieineu jüdischen Hansen zu finden, frohlocken? Man gebe ihnen diesen zu, wird es denn deßwcgen aufhvren wahrscheinlich zu sein, daß ein Jude einem Christen, der in räuberische Hände gefallen ist, das Leben gerettet haben sollte? Oder wenn er es gethan, muß er sich notwendig das edle Vergnügen, seine Pflicht in einer so wichtigen Sache beobachtet zu haben, mit niederträchtigen Belohnungen versalzen lassen? Gewiß glicht. Znvoraus wenn er in solchen Umständen ist, in welche der Jude im Schauspiele gesetzt worden. Wie aber soll dieses unglaublich sein, daß unter einem Volke von

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