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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-05-01 · Heft 5 (1.5.1886) · p. Seite 107

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 5 (1.5.1886)
Date
1886-05-01
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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U! . 1 > »ff — 107 — Kaltsiimigkeit gegen die Christen erfüllen muß, ein solches edles Gemüt sich gleichsam selbst bilden könne. Die Unwahrscheinlichkeit stört unser Vergnügen destomehr, jemehr wir dem edlen und schönen Bilde Wahrheit und Dasein wünschten. Aber auch die mittelmäßige Tugend und Redlichkeit findet sich unter diesem Volke so selten, daß die wenigen Beispiele davon den Haß gegen dieselbe nicht so sehr mindern, als man wünschen möchte. Bei den Grundsätzen der Sittenlehre, rvelche zum wenigsten der größte Teil derselben angenommen hat, ist auch eine allgemeine Redlichkeit kaum möglich, sonderlich da fast das ganze Volk von der Handlung leben muß, die mehr Gelegenheit und Versuchung zum Betrüge gibt als andere Lebensarten ..." Lag es für den Leser jener Zeit nicht nahe, aus diesen Worten den Schluß zu ziehen, daß fast alle Kanflente Schurken, daß alle Juden Ungeheuer und zur Ausübung irgend welcher Tugend unfähig sind? Läßt der Göttinger Kritiker nicht sogar durchblicken, daß die Christen, noch verabscheuungswerter als die Juden, diese zwingen das zu sein, was sie sind? — Ohne über das Stück selbst oder über die Kritik desselben irgend welche weitere Betrachtung anzustellen, hat Lessing, der angegriffene Verfasser, in seiner theatralischen Bibliothek, I. 282 — 284, folgendermaßen geantwortet: „. . . Ist denn ein Jude, wie ich ihn angenommen habe, vor sich selbst unwahrscheinlich? Und warum ist er es? . . . Freilich muß man, dieses zu glauben, die Juden näher kennen, als aus dem lüderlichen Gesindel, welches auf den Jahrmärkten herumschweist. Doch will ich lieber hier einen andern reden lassen, dem dieser Umstand näher an das Herz gehen muß, einen aus dieser Nation selbst. Folgenden Brief hat er bei Gelegenheit der Göttingischen Erinnerung an einen Freund in seinem Volke geschrieben: Mein Herr! Ich überschicke Ihnen hier das 70te Stück der Göttingischen gelehrten Anzeigen. Lesen Sie den Artikel von Berlin. Die Herren Anzeiger recensiren den 4. Teil der Lessing'schen Schriften, die wir so oft mit Vergnügen gelesen haben. Was glauben Sie wohl, daß sie an dem Lustspiele Die Juden aussetzen? Den Hauptcharakter, welcher, wie sie sich ausdrücken, viel zu edel und viel zu großmütig ist. Das Vergnügen, sagen sie, daß wir über die Schönheit eines solchen Charakters empfinden, wird durch dessen Unwahrscheinlichkeit unterbrochen und endlich bleibt in unserer Seele nichts als der bloße Wunsch für sein Dasein übrig. Diese Gedanken machten mich schamrot. Ich bin nicht im Stande alles auszudrücken, was sie mich haben empfinden lassen. Welche Erniedrigung für unsere bedrängte Nation! Welche übertriebene Verachtung! Das geineine Volk der Christen hat uns von je her als den Auswurf der Natur, als Geschwüre der menschlichen Gesellschaft angesehen. Allein von gelehrten Leuten erwartete ich jederzeit eine billigere Beurteilung; von diesen vermutete ich die uneingeschränkte Billigkeit, deren Mangel uns insgemein vorgeworfen zu werden pflegt. Wie sehr habe ich mich geirrt, als ich einem jeden christlichen Schriftsteller so viel Aufrichtigkeit zutrauete, als er von andern fordert. - In Wahrheit! Mit welcher Stirne kann ein Mensch, der noch ein Gefühl von Redlichkeit in sich hat, einer ganzen Nation die Wahrscheinlichkeit absprechen, einen einzigen ehrlichen Mann aufweisen zu können? Einer Nation, aus welcher, wie sich der Verfasser der Juden ausdrückt, alle Propheten und die größten Könige aufstanden? Ist ein grausamer Richterspruch gegründet?

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