Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1886)
- Date
- 1886-05-01
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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103 Denn so wie Walter von der Vogelweide der Frau Welt entsagt und seinen Blick dem kirchlichen Ernst zuwendet, so sagt sich Süßkind von der Thorenweise los, um sich ganz einem frommen jüdischen Lebenswandel zu widmen. Hart, ungerecht und lieblos ist es aber, wenn v. d. Hagen über Süßkind von Trimberg schreibt: „Der Jude beschreibt sich selber, er wolle nicht mehr mit seiner Kunst auf der Thoren Fahrt ziehen, sondern, fern von, Hose der Herren, die ihm Gabe versagen, nicht mehr höfischen Gesang singen. Eine andere, auch damals den Juden freie Kunst war freilich sicherer. Kürzer berührt Süßkind ein anderes auch damals schon nicht minder einträgliches Geschäft, besonders der Juden, nämlich den Geldwucher durch hohen Zins. Noch stärker wäre es, die Fabel im letzten Gedicht auf ihn selbst zu beziehen, worin der Wolf sich entschuldigt, daß er durch Raub den Hunger stillen muß." (Minnesinger 4. Teil S. 537.) Für alle diese Behauptungen ist weder der geringste historische Anhaltspunkt noch die entfernteste Wahrscheinlichkeit vorhanden; sie sind vollständig aus der Luft gegriffen. Das Entsagen der Dichtkunst im Gedichte ist ebenso eine Manier des Minnesängers wie die Schilderung der Armut. Auch Walter v. d. Vogelweide droht mit dem Aufgeben des Dichtens. Er wolle nicht mehr singen, wenn die Welt sich nicht bessere (IX.). Wie auch ein Bögelein klagte, daß es nicht mehr singe als bis es tage, und sich verbarg (XLVIII.). Wolfram von Eschenbach droht auf ähnliche Weise der Minne. Im Pazcival 8551 klagt er über sie, daß sie ihn unbelohnt läßt, und will sich ihrem Dienste entziehen. „Ivb «o sis under ziehen und von ir tröste vliehen.“ Das Gleichnis des Wolfes, wovon später die Rede sein soll, ist aber einem Bilde in der Bibel entnommen. Wenn Süßkind den Wolf sagen läßt: „Wa sol ich nu beliben? sk ich dur mines libes nar muoz wesen in der ahte, darzuo bin ich geboten, diu schult diun’ ist niht min,“ so erinnert dies an den 13. Vers im 2. Kapitel Nahum: Der Löwe raubt für seine Jungen und würgt für seine Kinder. Der Dichter hat an Stelle des Löwen, der in seiner Heimat nicht heimisch ist, den Wolf gesetzt Diesen Ausspruch aber als die persönliche Meinung des Sängers gelten zu lassen, ist unmöglich, da die ironische Tendenz des 2. Teiles der Strophe, der den ersten erst ergänzt, in die Augen fallend ist. Süßkind von Trimberg steht auf der' Höhe der Dichtkunst' seiner Zeit sowohl in Betreff der äußeren Form wie des inneren Gehaltes seiner Dichtungen. Von der Hagen sagt mit Recht von ihm: „Es zeigt überall Sinn und Geschick und weder Sprache noch Ausdruck würden den Juden verraten, obgleich auch nicht den Christen." Obwohl er aber ganz im Sinne seiner Schule dichtet, ist doch seine Poesie vom Ideale des rabbinischen Judentums erfüllt. Wenn auch er die holde Minne und den Frauenwert besingt, so herrscht zwischen seiner Frauenverehrung und der anderer Minnesänger eine große Differenz. Die Minnedichter waren nicht durchwegs von einer geistigen Schwärmerei für das Frauenideal ergriffen, bei vielen tritt vielmehr das sinnliche Moment in die Erscheinung und überschreitet sogar die Grenzen des Erlaubten. Nach Ulrich von Lichtenfein's „Frauendienst" mußte die Verehrte des Dichters nicht seine Ehefrau sein. Sogar die Frau eines andern konnte die Beherrscherin seines Herzens werden. Die Wächterlieder klagen über Merker und Aufpasser, welche dem Diä)ter und seiner Verehrten hindernd in den Weg treten. Die Poesie Süßkinds ist rein von solchen Schlacken. Er preist die edle Fra», die in Tugend und Frömmigkeit erstrahlt: ,,Irs manns krön ist das vil reine vip je mer in vol eret ir wolwerder lip er saelik man dem die guote si beschert.“