Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-05-01 · Heft 5 (1.5.1886) · p. Seite 102

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 5 (1.5.1886)
Date
1886-05-01
Page
Seite 102 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2969669-2969919-2969925--1646-2976254
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

102 solche höher veranlagte Persönlichkeit war Süßkind von Trimberg, der vom Zeitgeiste fortgerissen, der damaligen Poesie huldigte und ein Meister des Minnesanges wurde. Von seinen Lebensschicksalen ist uns absolut nichts bekannt, außer daß' er innersten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts lebte und daß der Flecken Trimberg im Würzburgischen sein Geburts- oder Wohnort war. In der sogenannten Manessischen Sammlung der Gedichte der Minnesänger, wo die Bilder der Dichter abkonterseit sind, erscheint vor den Liedern Süßkinds ein Jude, abgebildet in reicher Tracht mit langem Barte und trichterförmigem spitzen gelben Hut. Diesen hält Friedrich Heinrich von der Hagen im 4. Teile seiner Minnesänger S. 637 für den.jüdischen Dichter. Herr Prof. H. Grätz bestreitet dieses, (Geschichte der Juden Band VI. 278) und meint, daß die Sammler einen Juden ihrer Zeit zniu Muster genoininen haben. Diese beiden Ansichten sind aber nichts als bloße Mutmaßungen. Entschieden ist es aber nur als eine glorifizierende Aeußerung anznsehen, wenn Herr Prof. Grätz von ihm sagt, daß er auf der Burg seiner Heimat ans dcni Vorsprung eines rebcnbepflauzten Berges wohl im Kreise edler Ritter und schöner Frauen beim schäumenden Becher, die Laute in der Hand, feilte, kunstgerechten Verse vorgetragen und von Geschenken sein Leben gefristet. Von der Hagen, dem auch Herr Grätz folgt, wollte aus einem Gedichte Süßkinds, erfahren, daß er später in Armut sich befand. „Darüber weinen sehr meine Kinder, denn schlecht ist ihre Schnabelweide" heißt es in der 5. Weise. Allein die Absichtlichkeit einer allegorischen Darstellung der Dürftigkeit ist hier so sehr zu erkennen, daß der Ausruf eher auf artistische Motive als auf faktische Armut zurück zu führen ist. Denn das Klagen über drückenden Mangel und die Darstellung desselben in zierlichen Versen gehörten zur Manier der Minnesänger. ■ Walter von der Vogelweide, der edelgeborne Schloßherr im Thurgau, klagt in seinen Liedern, (DXX. 12.) daß er vergebens an das Thor des Heiles klopfe. Es sei ein seltsames Wunder, daß er trocken dastehe, während ringsumher die Milde des Fürsten von Oesterreich wie ein süßer Regen Land und Leute erquicke und. eine wonnigliche Haide sei, wo man Blumen die Fülle breche und er nur um ein Blatt bitte. — Wolfram von Eschenbach, durch Geburt und Erbe Hausherr, der nur, um Ritterschaft zu pflegen, in den Dienst eines andern Herrn trat, (V. d. Hagen Minnesänger 4. Teil S. 195.) klagt in Parcival 5476 über seine Armut. Oer zadel vougt in hungere not. Si enheten kaese vleiscli hoch brot. Albrecht, der unter dem Namen Wolframs von Eschenbach dichtete, führt ebenfalls wegen seiner Dürftigkeit bittere Klage: „Nein schad’ ist dem geltclie, als der dä, üzer golde unt slden würket kleit vil kosten riche lind ims ein eile nimmer wirt ze teile.“ Der Tauhuser erzählt, wie er uustät leben muß und daß er kümmerlich einherfährt. Süßkind dichtet nur im Geiste der Minnesänger, wenn er sich und seine Kinder als dem Hunger preisgegeben schildert. Denn es ist undenkbar, daß ein Jude, der sich zur Höhe der. Meister des Gesanges emporgeschlvungen, dieses nur wegen des sehr zweifelhaften Gewinnes gerhan haben sollte; ebenso undenkbar ist es, daß ein solcher im 12. Jahrhundert in Deutschland, aller Nahrungsmittel entblößt, nichtjüdische Spenden in Anspruch zu nehmen gezwungen war. Benjamin von Tudela erzählt in seinen Wanderungen, daß die Mildthätigkeit der Juden Deutschlands in jener Zeit sehr groß war, daß sie die zugewanderten Glaubensgenossen mit allem, was sie hatten, unterstützten. Ein einheimischer Mitbekenner ihres Glaubens würde gewiß nicht vergebens ihre Barmherzigkeit angerufen haben. Viel wahrscheinlicher ist es, daß die Armut des Dichters nur eine fingierte ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.