Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1886)
- Date
- 1886-05-01
- Page
- Seite 101 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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101 wir einen erfolgreichen Beistand von denen zn erwarten, die blindlings gegen den Angreifer losstürmeu, jede Anklage, welche gegen Israel erhoben wird, überschreien oder totschweigen nnd sie mit falschen Lobpreisungen, die sie ihm spenden, zu übertönen suchen. Den Kampf nach außen hin werden nur diejenigen siegreich zu Ende zn führen vermögen, die zunächst den Kampf gegen die innere Verderbtheit mit offenem Mute und begeisterter Entschlossenheit ausgenommen. Israels aufrichtige Freunde sind die Männer, die ihm die Wahrheit offen verkünden, die seine innere Wunden nicht verbergen, ihm seine Sünden nicht verhehlen und es geistig zu beleben und aufzurichten suchen. Wir brauchen in unserer Zeit die geistige Rüstung mehr denn je, wir müsseil die Waffen des Glaubens wieder Hervorholen, das Gottesbewußtseiu muß in unseren Herzen lebendig werden und sein Licht unsere Wege bestrahlen, wenn wir nicht im Dunkel dahinwandeln und dem Verderben entgegengehen sollen. Wie der Heeresfürst des Herrn mit gezücktem L-chwerte vor Josna dastand, ihm des Kampfes Ziel und Bedeutung vor Augen stellte, ihn daran gemahnte, daß Israel ans einem heiligen Boden stehe, so sollen auch wir kämpfend dessen eingedenk bleiben, daß nicht die Erhaltung und Vermehrung irdischer Macht das Ziel unseres Strebens sind, sondern daß wir die Vertiefung unseres Glaubens und unserer Lehre, die Verherrlichung des göttlichen Namens als unsere erste und höchste Aufgabe ansehen. Dazu wird Gott uns beistehen, der Herr, der unseren Vätern als ein Helfer und Erlöser erschienen ist, wird auch uns herausführeu -aus Dunkel zu Licht, aus Finsternis zu Klarheit und ertönen wird das Jubellied der Freiheit, das Halleluja der wahren Erlösung, das ersehnte Heil wird kommen, Frieden bringend Israel und aller Menschheit. Gin jüdischer Minnesänger. Bon Dr. S. Gelb haus. Die Poesie der Minnesänger ist eine der bedeutensten Offenbarungen des deutschen Geistes. In ihr kommt das innerste Leben des deutschen Volkes zum lieblichsten Ausdrucke. Diese Dichtungsart umfaßt das soziale, intellektuelle und geographische Deutschland ihrer Zeit. Denn die Heimat der Minnesänger ist der Osten und Westen, der Norden und der Süden Germaniens. Ebenso umschließt diese Dichterschule die ganze damalige Gesellschaft. Ihr gehörten an der Kaiser, der Herrscher der Welt, Könige mit Krone und Zepter, Herzöge, Markgrafen, Grafen und Herrn. Auch die Schulmeister und Schmiede sind durch Staiwesgenossen vertreten; kurz alle Schichten des Volkes hatten Teil an der Poesie, deren Hauptziel es war, in schwärmerischer Ehrfurcht den Frauenwert zu besingen und das ewig Weibliche zu verherrlichen. Da diese Strömung alle Volksklassen ergriff, so kann es uns nicht wundern, unter den Minnesängern auch einen Juden zu finden. Denn wenn auch die politische Lage der Juden Deutschlands im 12. Jahrhundert als eine traurige zu bezeichnen ist, so war doch ihr Schicksal, wegen der Kleinstaaterei, im ganzen Reiche kein gleichartiges, und die persönliche Freiheit, die ihnen unbenommen blieb, machte es möglich, daß der Einzelne hie und da, von besonderen Umständen begünstigt, aus seinem engen Kreise heraustrat und sich einem allgemeinen idealen Streben hingab. Eine