Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 5 (1.5.1886)
- Date
- 1886-05-01
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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100 quickende Frucht des Heiles hervorbringen, den Stürmen nicht widerstehen könne», die über ihn Hereinbrechen, das schnmcke Laubwerk verwehen und das trockene Gehölz zu Boden werfen. „Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?" Diese Frage, die wir zunächst an uns zu stellen haben, ist durchaus nicht so leicht zu nehmen, so leicht zu beantworten, wie wir das ohne weiteres glauben und annehmen, sie ist von einer so schwerwiegenden, weittragenden Bedeutung, daß wir sie ohne ernstes tieferes Nachdenken über die höchsten ewigen Ziele des menschlichen Daseins gar nicht zu fassen vermögen. Mancher meint, es sei die erste und einzige Pflicht des Israeliten, mit seineii Stammesgcnossen in engstem Bunde zu stehen, mit ihnen zusammenzuwirken, da, wo sie benachteiligt und zurückgesetzt werden, für sie einzutreten, zur Abwehr gegen die Angriffe und Schmähungen von außenher sich ihnen anzuschließen, und die Lehre des Judentums ist ihm ein Fremdes und Gleichgültiges davon er nichts wissen mag, das Geistesleben Israels ist ihm ein Verächtliches, Ueberflüssiges, das dem Untergange verfallen darf, für das Göttliche und Heilige, für die erhabene Glanbenswahrheit Israels fehlt ihm jede Empfänglichkeit und Teilnahme. Gehört der zu uns oder zu unseren Feinden? Hat 'der ein Herz für die Erhaltung und Verherrlichung des Judentums oder arbeitet er nicht unseren^ Gegnern in die Hände, die umsomehr Ursache haben, ans uns herabzusehen, umsomehr ein Recht haben, ihre furchtbaren Anklagen gegen uns zu erheben, je weniger unser Leben der Geist des Göttlichen leitet, .je weniger die Heilesbedeutung des Volkes Israel in ihm sichtbar wird? Keinen größeren Feind hat Israel als sich selbst, so es inmitten der Völker blos als eine Stammesgenossenschaft dasteht, die keine andere Aufgabe kennt, als sich von ihnen abgesondert zu halten, von keinem anderen Gedanken geleitet ist, als von dem, die Zerstreuten durch das Band äußerer Zusammengehörigkeit zu einigen und einander anzuschließen. Mit der bloßen Erhaltung unseres Volkstums dienen wir weder der Gottheit noch der Menschheit. Eine Glaubensgemeinde müssen wir bilden, die keine'andere Aufgabe hat, als den heiligen Schatz der ewigen Wahrheit zu hüten, den göttlichen Geist der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu vflegen und auf den Wegen der Gottesliebe und Menschenliebe, der Weisheit und Tugend dahinzuwandeln, die in der Lehre des Herrn uns gezeigt sind. Das wird uns Würde ' verleihen, Ehre und Wohlgefallen vor unserem Gotte, Dank und Achtung unter unseren Mitmenschen. So sind es denn diejenigen, denen die Lehre Israels gleichgiltig geworden, die Geistesträgen, die alle menschliche Größe nur in dem Irdischen suchen und finden, welche fast unbewußt unseren Feinden sich zugesellen und ihre verderblichen Pläne fördern und zur Reife bringen. So sind es denn diejenigen, die über unsere Lage uns hinwegtäuschen, vor dem inner» Verfall den Blick hinweglenken, uns einen Frieden auf Kosten der Wahrheit vermitteln, mit Schmeichelworten in unserer unverzeihlichen Selbstgefälligkeit uns bestärken, die viel gefährlichere Feinde des Judentums sind, als alle Gegner und Widersacher, die laut ihre Stimme gegen Israel erheben. Und wir müssen in unseren Tagen besonders Freund von Feind zu unterscheiden lernen, denn wie zur Zeit Josuas geht Israel einem gar schweren Entscheidungskampfe entgegen, einem Kampfe, in welchem wir dazu herausgefordert werden, uns zu erklären, zu zeigen, daß die Lehre des Judentums noch nicht erstorben uird lebensunfähig geworden ist, zu zeigen, daß Israel seinen heiligen Beruf noch nicht vergessen und verloren hat. Da werden wir nach denen, die zu uns gehören, uns umzusehen haben und wahrlich! nicht haben