Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-05-01 · Heft 5 (1.5.1886) · p. Seite 99

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 5 (1.5.1886)
Date
1886-05-01
Page
Seite 99 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2969669-2969919-2969925--1643-2976251
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

99 zu ziehen suchen, zur dringenden Pflicht und zur unabweislichen Notwendigkeit, Umschau zu halten und, wenn es in Kämpfe hineingezogen wird, die zur Entscheidung drängen, nicht jedem, der dem Anscheine nach in seinem Bunde steht, blnidlitigs zu vertrauen, sondern erst ernstlich zu fragen, bist du unser oder dienst du unseren Feinden? Wohlan denn! Das Fest der Freiheit, das herannaht, soll nicht verstnsterte Seelen in unserer Mitte antreffe», die das Licht der Erkenntnis scheuen und die Wahrheit zu verbergen und zu verdunkeln suchen. Indem wir unsere Ziele erkennen und festhalten, soll es uns klar werde», wer unsere Feinde sind, vor denen wir uns zu hüten haben, und wer unsere Freunde, auf welche wir vertrauen dürfen. Wer dürfte daran zweifeln, daß jeder, der dem Stamme Israels angehört und mit ihm durch so mannigfache Beziehungen in engster Verbindung und fast unlöslichem Zusammenhänge steht, auch als ein Freund Israels anzusehen sei, der, wenn er auch nicht immer zum Wohle der Gesammtheit Mitwirken kann, doch wenigstens in keiner Weise es beabsichtigt, dasselbe zu verringern und dessen Gegenteil herbeizusühren? Schon die Frage, ob ein solcher uns oder unseren Gegnern zuzuzählen sei, würde uns als widersinnig und gegenstandslos erscheinen, und ihm als eine Kränkung und Zurücksetzung, die er mit aller Entrüstung zurückweisen, oder als ein Spott und Hohn, den er der Entgegnung.nicht für wert halten würde. Und dennoch hat das Judentum keine gefährlicheren Feinde, als die Tausende und Tausende, die sich diese Frage nie vorlegen, nie darüber Nachdenken, worin denn eigentlich ihre Angehörigkeit zu Israel bestehe und welcher Zweck mit ihr verbunden sei, welche Pflicht ihnen aus derselben erwachse. Den Meisten ist ihre Zugehörigkeit zu Israel nichts mehr als ein Erbteil, das von ihren Vätern ihnen zugekommen ist und zwar das wertloseste, das sie ihnen hinterlassen haben, ein Besitz, der ihnen viel zu geringfügig erscheint, als daß sie auf ihn achten. Wenn sie ihn nicht ganz wegwcrfen, so geschieht dies nur, weil sie sich um ihn überhaupt nicht kümmern und weil man ja doch nicht wissen kann, ob er sich am Ende doch nicht zum eigenen Vorteile gebrauchen läßt. Warum sollten sie auch das Band durchschneiden, das sie mit ihren Stammesgenossen zusammenhält, da es ihnen doch nicht zur drückenden Fessel geworden ist, die ihren Schritt hemmt und an der freien Bewegung auf allen Gebieten menschlichen Strebens sie verhindert? Warum sollten sie ohne Not den Namen Israels, den ihre Väter auf sie vererbt haben, verleugnen und ablcgen, da sie sich an denselben gar nie zu erinnern brauchen und sie niemand danach zu fragen hat, ob sie auch den Glauben Israels bekennen und bethätigen, den Gott Israels verehren und heiligen, den erhabeuenen Beruf Israels erfüllen und mittragen helfen? Und dazu verpflichtet sie doch eigentlich dieser Name, dessen ganze Bedeutung darin besteht, daß er uns als die Träger desselben fortwährend an das Heiligste, Ewige und Göttliche erinnert, das wir in unserm Leben und Streben zur Ehre und zur Geltung bringen sollen. Ist doch die so hochgefeierte Erlösung Israels, durch welche es ein freies Volk geworden ist, selbst nichts inehr als die Vorstufe zu jener vollendeten geistigen Erlösung gewesen, die unseren Vätern dann bei Sinai durch die Anerkennung der göttlichen Weltherrschaft und durch den Eintritt in den Bund der ewigen Gotteslehre zu teil geworden ist! Ist dieser Bund gelöst, diese Lehre uns fremd geworden, das Geistesleben des Judentums in unserer Mitte erloschen, dann haben wir den Boden verloren, auf welchem allein der Stamm Israels bestehen und gedeihen kann, und es mögen noch so viele dicht an einander gereihte Blätter ihn bedecken, er wird dennoch keine er- 9*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.