Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Geschichte des jüdischen Volkes nach seiner Zerstreuung, zusammengesetzt aus schwärmerischer Hingebung an heilige Ideale und aus den Leiden eines nicht endenwollenden Martyriums, selbst nur als eine Poesie der von überwältigender Tragik erfüllten Wirklichkeit erscheint, wird man auch diesen Ton elegischer Wehmut und liebevoller Mitempfindung, der über die Darstellung derselben ausgegossen ist und zu den Stimmen standhaften Bekenntnisses und schmerzlicher Klage, die jene vergangenen Zeitalter durchtönfen, das nachhallende Echo bildet, die Sprache geschichtlicher Wahrheit nicht verkennen. Wir dürfen es au diesem trefflichen Werke, in welchem uns eine, soweit es bei dem heutigen Stande der Wissenschaft möglich ist, lückenlose und umfassende Ueberschau der ganzen jüdische» Litteraturgeschichtx dargeboten wird, als einen Hauptvorzug ansehen, daß die historische Treue durch die fesselnde Darstellung nicht beeinträchtigt wird, daß es ferner auch von tatsächlichen Unrichtigkeiten und Uebertreibungen so ziemlich frei geblieben ist, und, wenn solche an einzelnen Stellen sich bemerkbar machcu, dies nicht die Schuld des Verfassers ist, sondern derjenigen seiner Gewährsmänner, die da, wo die Persönlichkeiten, deren Darstellung sie unternahmen, sich ihnen, so wie sie wirklich sind nicht genug vorteilhaft zu repräsentieren schienen, zur Schönfärberei ihre Zuflucht nahmen. Was nun das jetzige Jahrhundert anlangt, von welchem an eine neue Periode der jüdischen Litteratur beginnt, so werden wir eine gerechte, von subjectiver Parteinahme sich völlig freihaltende, über Voreingenommenheit und Mißgunst erhabene Darstellung und Beurteilung der noch in die Gegenwart hineinwirkenden Persönlichkeiten von einem' Zeitgenossen kaum erwarten dürfen. Wir lassen dieses Kapitel am Besten unbesprochen und kehren lieber zu den früheren Abschnitten des Bflckses zurück, in welchen einzelne kurz hingeworfene Aeußerungen uns einer nachträglichen Berichtigung zu bedürfen scheinen. S. 47 wird behauptet, daß „die Chronik der Könige von Juda" und „die Chronik der Könige von Israel" sich aus den erhaltenen „Büchern der Chronik" ziemlich deutlich reconstniiren lasse». Wir müssen das besonders bezüglich der letzteren sehr bezweifeln. S. 53 scheint es dein Verfasser gänzlich verfehlt, die Abfassung des Buches Rut mit Umbreit, Geiger u. a. in die Zeit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil zu verlegen und dennoch sind gerade in neuerer Zeit so triftige Beweise für die Richtigkeit dieser Hypothese erbracht worden, daß sie sogar in den Zeugnissen der Schrift wie der Tradition bestätigt erscheint. Auch in Bezug auf das hohe Lied, „das am ehesten in die Zeit unmittelbar nach dem Tode Salomo's sich einfügen möchte" (?) hat der Verfasser (S. 84 - 89) manche neuere Erklärungsversuche übersehen, durch welche das Verstündiiis dieser Dichtung gefördert wurde. Wie der Verfasser die Behauptung: „Es gab keinen Unterschied, keine Rangklasse in den Satzungen" gegenüber den vielen halachischen und häggadischen Stellen, in welchen von „schweren" und „leichteren" Satzungen die Rede ist, rechtfertigen will, ist uns unerfindlich. S. 198 rvcrden das dritte und das vierte Esra-Buch, welches letztere allein apokalyptischen Charakters ist, nicht genügend auseinandergehalten. Auch die Meinung, daß die Geschichte von der Susann« ursprünglich griechisch geschrieben war (S. 199) ist in neuerer Zeit als unhaltbar nachgewiesen worden. S. 303 wäre die Angabe: „Es kann kaum noch einem Zweifel unterliegen, daß der biblische-Text trotz des Eifers, den die Juden für die Erhaltung desselben hegten, im Laufe der Zeit vielfach verderbt und entstellt wurde" durch den Hinweis auf die nicht wenigen absichtlichen Aenderungen, die die Soferim in demselben Vornahmen, zu ergänzen gewesen. Diese Thätigkcit der Soferim, über welche auch in dem talmudischen Schrifttume manche wertvolle Nachricht