Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 91 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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91 Evolutionen, als deren Produkte diese Werke anzusehen sind, hat man erst in neuerer und neuester Zeit gründliche Untersuchungen angestellt, die. wenn auch noch Vieles aufzuklären übrig bleibt, doch manche reichere und tiefere Kunde erschlossen und Resultate zu Tage gefördert haben, die man als maßgebend und feststehend betrachten darf. Nicht minder schwierig mußte die Aufgabe für den Historiker der jüdischen Litteratur sich gestalten, wenn er das nach verschiedenen Richtungen sich verzweigende und aus allen Ländern der Diaspora stammende Schrifttum der auf den Abschluß des Talmuds folgenden Zeitalter auch nur in umrißlicher Darstellung beschreiben sollte. Es hatte schon seine Not, dasselbe so weit zu überschauen, daß wenigstens keine der bedeutenderen Erscheinungen dem betrachtenden Blicke sich entziehe. Selbst von den schon in früheren Jahrhunderten in die Oeffentlichkeit gelangten Werken dieses Schrifttums waren viele nicht recht bekannt und von den bekannten gar manche, die in litterarhistorischer Hinsicht zu beachten waren, sehr selten und fast ganz unzugänglich geworden. Schriftstellerische Leistungen ersten Ranges waren verschollen; in den Bibliotheken lagen handschriftliche Schätze verborgen, von deren Vorhandensein man erst durch mühsame Nachforschungen Kunde erlangen konnte. Man hatte noch vollauf mit der Bergwerksarbeit zu thun, um vor Allem wenigstens das kostbare Erz hervorzugraben und die verschütteten Denkmäler früherer Geistesthätigkeit, die der Stäub der Jahrhunderte bedeckte, ans Licht zu ziehen. Und dann mußte die Beschaffenheit dieser einzelnen Funde selbst noch gründlich untersucht und der Gewinn an Erkenntnis, den dieselben darbieten, aufgezeigt werden, ehe sie als Material zu einer systematischen Darstellung der jüdischen Literaturgeschichte verwertet werden konnten. Man wird es danach begreiflich finden, daß diese Arbeit wohl schon manchmal versucht und begonnen, aber, insoferne sie das Ganze umspannen sollte, noch immer auf sich warten ließ. Soviel ist jedoch durch die emsige Forschungsarbeit auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft, die etwa seit fünfzig Jahren einen höheren Aufschwung genommen hat, erzielt worden, daß auf die meisten beachtenswerten Erscheinungen der jüdisch-mittelalterlichen Litteratur, ob dieselben nun schon vor langer Zeit in die Oeffentlichkeit getreten oder ob sie nur durch vereinzelte Nachrichten, die sich über sie erhalten haben und nur aus handschriftlichen Quellen sich herleiten, bekannt geworden sind, die Anfmerksamkeit der Fachgelehrten sich hingelenkt hat und so allmählig feste Grundlagen und klare Gesichtspunkte sowohl für die richtige Beurteilung und Charakterisirung jener geistigen Produktionen als auch für eine umfassende litteraturgeschichtliche Betrachtung derselben geschaffen werden konnten. Man muß heute nicht gerade ans erster Quelle schöpfen, um dieses Schrifttum kennen zu lernen und sich über Inhalt und Bedeutung der ihm angehörigen wichtigeren Werke ein Urteil zu bilden. Wir haben keinen Mangel an gründlichen Monographien und lehrreichen Darstellungen, durch welche über die einzelnen Partieen desselben Licht verbreitet oder auch über ganze weitausgedehnte Schichten dieser Litteratur in nahezu erschöpfender Weise Künde dargebote» wird. Aber diese Arbeiten leiden an dem unvermeidlichen, für die Kundigen freilich nur als Vorzug zu betrachtenden Fehler, daß sie ihrer Natur nach zu sehr in's Detail eingehen müssen und dem Leser die Mühe nicht erspart bleiben kann, dem Gange der oft sehr verwickelten kritischen Vergleichungen und Untersuchungen, die zu tieferliegenden Ergebnissen führen, aufmerksam zu folgen. Ueberdies kann auch eine ganze Bibliothek dieser Werke den Mangel eines Handbuchs nicht ersetzen, in welchein die Resultate der Litteraturforschung in bequemer Uebersicht und passender Ordnung aneinandergereiht sind. 8*