Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 82 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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82 und der Bitterkeit gegen alle andern Völker. „Rachsucht und Bitterkeit", sagt Dio Cassius1) „ist'der Hanptzng ihres Nationalcharakters" und Tacitus^) sagt in Bezug ans sie: „aber gegen alle anderen haben sie einen feindlichen Haß". Doch das sollte wahrscheinlich nur den Vorwand abgeben, womit die Rönier ihre eigne unerhörte Grausamkeit gegen die Juden beschönigen wollten. Als aber die Juden von der feindlichen Ueberniacht vollständig niedergetreten worden waren, wurde noch gegen sie die .alte Logik der Sieger gegen die Besiegten, der Glücklichen gegen die Unglücklichen geltend gemacht, man sagte, die Inden müssen wohl ungenicin schlecht sei», weil ihnen ein so schreckliches Loos beschiedcn worden, weil sie so überaus elend zu Grunde gegangen sind. Dieser Logik bedient sich schon Cicero in seiner Rede zur Verteidigung des FlaccuS ch zu einer Zeit, wo die Juden noch bei weitem nicht alle Hoffnung aufgegeben hatten ihre volle Selbstständigkeit mit eigener Kraft wieder zu erringen. „Wie lieb die unsterblichen Götter das jüdische .Volk haben", sagt der übermütige Römer, „ist daraus zu. ersehen, daß dieses Volk vollständig besiegt und in die Sklaverei hingegeben worden." Einige Fahre später hätte man mit demselben Rechte sage» können: tvie lieb der Philosoph und Staatsmann Cicero den Göttern gewesen, ist offenbar daraus zu ersehen, daß sie ihm ein so schmähliches Ende bereitet haben. Gin zeitgemäßes Wuch. Der Ketzermeister Jacob Hochstraten, Großmeister der Dominikaner in Köln, war zur Zeit der Reformation, 1513, schon das leibliche Konterfei eines in der heutigen Zeit gegen die Juden agitirendcn Geistlichen. Er trat mit einer Unverschämtheit auf, als müßten sich alle, Geistliche wie Weltliche, vor ihm beugen, vor ihm in den Staub sinken, als ob er das Recht hätte, Satzungen und Herkommen mit Füßen zu treten. List, Lüge, heimliche Tücke wandten er und sein Helfershelfer Pfefferkorn an, um die Juden aus Deutschland zu vertreiben oder zum Scheiterhaufen zu verurteilen. Reuchlin wandte sich bekanntlich in seiner Beschwerde gegen die Gewalt, die man ihm anthun wollte, an den humanistischen Ideen günstigen Papst Leo X. in Rom, von welchem denn auch Hochstraten in die Kosten des Prozesses, 111 rheinische Goldgulden, verurteilt wurde. Dieser Prozeß, der Vorläufer der Kirchenreformation, war es nun, der Anlaß gab zu einer Reihe satirischer Briefe, welche ihresgleichen, was Witz, Laune und Scharfe betrifft, noch nicht in der Litteratur hatten. Es sind dies „die Briese der Dunkelmänner". (Lpistolao viroruin odsourorum.) Sie redeten die Sprache der ungehobelten Mönche, legten ihren niedrigen Sinn, ihren Hochmut, ihre erstaunliche Unwissenheit, Lüsternheit, Gehässigkeit und Unflätigkeit, ihr erbärmliches Latein und ihre noch erbärmlichere Moral, ihre logikalische Faselei, ihr widriges. Geklätsche. bloß, kurz sie führten alle ihre Untugenden und Unausstehlichkciten so handgreiflich vor Augen, daß sie auch den Halbgebildeten einleuchteten. Ein schallendes Gelächter gieng durch das westliche Europa beim Lesen der Dunkelmännerbriefe. Diese lustige Verspottung der Dunkelmänner schaarte die Lacher auf Renchlins Seite und die Dominikaner waren in der öffentlichen Meinung gerichtet. Hutten, den man für den Verfasser hielt, sagte: „Gott war's!" ') Dio C. 49; 22. ~) Tacit. Hist. 5; 5. 3) Cicero pro Flacco 28.