Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 81 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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81 vergleicht ein Agadist Israel mit dem Oele, das, mit jeder andern Flüssigkeit in dasselbe Gesäß gegossen nnd nittereinander gerüttelt, sich doch nicht vermischt, vielmehr immer wieder seinen gesonderte» Platz ciiinimmt *). Mit dem Unterschiede natürlich, daß Israel nicht wie das Oel obenanf schwamm, sondern die tiefste Stelle einzunehmen sich bequemen mußte. Elegischer spricht ein anderer Redner sich über die verhängnisvolle Lage der Inden ans: „Wohl," sagt er, „hat Inda das Unglück betroffen ans seiner Heimat exiliert zu werde»: aber haben nicht viele andere Völker dasselbe Schicksal erlitte» '? Ja wohl! aber andere Völker, die da esse», trinken und sich kleiden wie diejenigen, nnter denen sie leben, können den Verlust ihres Vaterlandes eher verschmerzen, die Inden aber, die weder essen noch trinken, noch anch sich kleiden wie die andere», sie bleiben immer in der Fremde und ihr Loos bleibt immer ein gleich trauriges".-) Zum besseren Verständnis dieser Stelle muß bemerkt werden, daß die Inden dieser Zeit, eingewöhnt und ringelebt in ihrem Partikularismus, noch nicht znsrieden damit, sich in ihrer Religion, in ihren Sillen nnd Gebräuchen, in ihrer Lebensweise so ausfallend von anderen zu miterscheideu, auch noch darauf hielten, sich in ihrer Kleidung als Juden zu kennzeichnen, wie dies ans mehreren Stellen des Talmud und der Midraschim zu erweisen ist, ans welche wir später zurückzukommen Gelegenheit haben werden. Ein anderer spricht sich in einer Parabel folgendermaßen ans: „Ein vornehmer Herr heiratete eine Frau, verbot ihr aber sofort aufs strengste mit irgend einer andern Frau zu sprechen oder zu verkehren. Rach einiger Zeit wurde der Herr über seine Frau aufgebracht und jagte sie aus dem Hause. Die Verstoßene suchte eine Zuflucht bei andern Weibern, aber keines wollte sie ansnehmen, keines ihr irgend eine Freundlichkeit erweisen. Tie Arme wendete sich in ihrer Verzweiflung zurück zum Hause ihres Gatten, aber dieser fuhr sie hart au: „Wie getraust du dich mir vors Gesicht zu kommen, da du doch siehst, wie dein ganzes Geschlecht dich verurteilt"? „Das, Herr!" eutgegnete die Unglückliche, „ist nicht meine Schuld, sondern vielmehr dein Werk, hätte ich, wie sonst ein Weib, mit andern Frauen verkehren dürfen, sie hätten mir auch jetzt ihre Freundschaft und ihre Teilnahme nicht versagt, du hast mir aber jeden Umgang mit anderen untersagt, darum bin ich jetzt einsam und verlassen und von aller Welt gemieden." Eben so spricht Israel zu seinem. Gotte: „Die Völker hören es wie ich jammere aber Niemand tröstet mich, die Völker hören mein Unglück und freuen sich darüber, du Herr hast dies bewirkt, du hast es so gewollt". *) Die Römer hatten noch einen weiteren Grund die Inden zu hassen, und zwar der Hartnäckigkeit wegen, mit der sie sich gegen die römische Unterdrückung, gegen die rücksichtlose Vergewaltigung gewehrt haben. Oester und energischer als alle ander» Völker haben sie sich gegen ihre Zwingherrn empört ihr tyrannisches Joch abgeworfen, ihre Fesseln gesprengt und Tausende ihrer Peiniger niedergemacht. Freilich war das alles eben so unklug als nutzlos und hatte nur zur Folge, daß der Widerstand der Juden in ihrem eignen Blut cerstickt wurde, und daß das übermächtige Rom gegen die Inden einen Bertilgnngskrieg geführt hat, der in der Weltgeschichte an Grausamkeit und Unmenschlichkeit kaum seinesgleichen hat. Der unparteiische Beurteiler wird das traurige Schicksal der Inden bedauern, er wird ihre Handlungsweise weder lobenswert noch nachahmungswürdig, aber doch gewiß sehr verzeihlich finden. Die Römer aber beschuldigten die Inden des Hasses ') Exodus rabba K. 36. ") Midrasch Threni Ä. 1. h Thrcui I, 21. Midrasch dazu.