Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 79 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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79 beherrschte, konnte die andere nicht recht zur Geltung gelangen. Es hat den Anschein, als ob Israel zwei Seelen in sich hätte, den Gottessinn für die Zeiten des Druckes und des Elends und den Freiheitssinn für die Tage des Glücks und der Erhebung. Wenn Bedrängnis und Verfolgung es getroffen, da hat es alles Leid ruhig über sich ergehen lassen und ist unter den Völkern da gestanden, wie das Lamm, das vor seinem Scherer verstummt; daß es Anspruch auf Recht und Freiheit habe, diesen Gedanken hat es kaum zu fassen gewagt. In seinem Gottessinne hat es alles gefunden, was Herz und Geist erfreuen konnte. Hatte das Geschick Israels dann wiederum sich zum Besseren gewendet, war es in den sicheren Besitz einer unangefochtenen Rechtsstellung und ansehnlichen Machtstellung gelangt, da hatten sich die stillen Dulder von ehedem mit einem Male in mutige und unerschrockene Vorkämpfer für die Sache der Freiheit verwandelt. Bestrebungen, wie man sie in Israel früher nie gekannt, hatten fortan die besten Kräfte an sich gezogen und von der Religion wollte nian nichts mehr wissen — sie hatte für das Leben ihren Wert verloren. Daß Gottessinn und Freiheitssinn in Israel nur nacheinander, nicht nebeneinander bestehen konnten, daß man sein Denken und Streben den Zeitverhältnissen untergeordnet, auch an das Höchste und Heiligste den Maßstab der Nützlichkeit und nnmittelbaren Verwertbarkeit angelegt hat, das ist ein schwerer Schaden, der uns anhaftet und von dem wir in der fortgesetzten Selbsterziehung, deren Israel noch immer bedarf, uns frei machen müssen. Der Geist muß in Israel von der Abhängigkeit, die ihn den wandelbaren Zeitverhältnissen unterordnet, erlöst werden und zu freier ungehemmter Entwicklung und Entfaltung gelangen. Nimmermehr darf Israel von seiner Lehre sagen, daß es sie verwirft, weil es sie nicht braucht, weil sie zu nichts im Leben nützlich zu sein scheint, oder daß es sie wiederum aufsucht, weil sie doch zu manchem dienlich ist und sich vielfach als heilsam bewährt. Die Wahrheit trägt ihre Begründung in sich selbst und deshalb allein müssen wir sie ehren und Hochhalten. Der Gottessinn muß aus dem lebendigen Sehnen des Herzens nach einem Höheren herauswachse», in der Hoheit des Geistes, die zu dem Ewigen uns emporführt, seine festen Wurzeln haben, er darf uns kein Gegenstand der Berechnung sein, bei dem wir uns immer fragen, wie weit wir da unseren Vorteil finden. Nicht in den Zeiten des Druckes allein, in welchen Israel den Gottessinn so nötig hat, wie die Luft, die es athmet, und wie das Licht, das die Sonne ihm spendet, sondern auch in den Tagen der irdischen Macht und Herrlichkeit, in der das Leben sich in seiner freundlichsten Gestalt ihm zeigt und die Gunst des Geschickes es auf allen Wegen seines Strebens begleitet, muß es den Gottessinn sich bewahren, der uns immer daran erinnert, daß wir in einer Welt der Vergänglichkeit leben und daß wir im Geiste für ein Höheres zu wirken, den Dienst unseres Vaters im Hinnnel auf Erden zu vollführen haben. Ein Freiheitssinn, der von Gott sich abwendet und von dem höheren Glauben sich lossagt, ist der Weg zur Bejahung und Tyrannei, ist nur eine Macht der Zerstörung und Zersetzung, aber nicht eine solche heilsamer Verjüngung und Erhebung. In dem Herzen Israels sollen Gottessinn und Freiheitssinn sich vereinen, beide zur Erhebung der Geister, zur Begründung und Befestigung sittlich hohen Strebens, dann werden mir auch einer besseren Zukunft entgegensetzen dürfen und aus der Saat unseres Wirkens wird auch die Frucht des Friedens emporsprießen.