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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-04-01 · Heft 4 (1.4.1886) · p. Seite 78

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 4 (1.4.1886)
Date
1886-04-01
Page
Seite 78 (sequence 6)
Language
German
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78 wirksam und lebendig sei; es muß wieder de» segensreichen Einfluß erlangen, durch welchen das israelitische Geistesleben wachgchalten tvird. Zu dem Freiheitssinnc muß der Gottessinn sich hinzngesellen, wenn er nicht in irdischen Bestrebungen aufgehen und wir das Bewußtsein, daß der Blick der Menschheit noch ans höhere Ziele gerichtet ist, vollends verlieren sollen. Freiheits- und Gottessinn im Bunde, das ist der hohe Gedanke, ans den die Erinnerungeil des Nissanmonates unsere Betrachtung hinlenken. Es hat kein Volk ans Erden gegeben, das sich in die traurigsten Verhältnisse, in das bitterste Elend so zu fügen gewußt hat als Israel. Selbst die schmerzlichsten Geschicke vermochten es nicht, seine innere Lebenskraft zu schwächen und zu untergraben. Finsteres unheildrohendes Geivölk schwebte über seinem Haupte, die Nacht der Leiden hatte sich über ihm ansgebreitet, aber in seinem Herzen ist das Licht der Hoffnung nie erloschen, der Quell der Lcbensfreudigkeit iiie versiegt. Ein Wunder nennen die Außenstehenden den Fortbestand Israels mitten unter den zahllosen, furchtbaren und unaufhörlichen Ankämpfnngen, unter denen es zu leiden hatte — aber wir wissen uns das Wunder zu erklären. Das Geheimniß dieser beispiellos beharrlichen Ansdauer, dieser unbesiegbaren Bestandesfähigkeit Israels liegt darin, daß es sein Herz stets in dem erhabensten Glauben gestärkt, daß sein Geist sich znr liebevollen Erkenntnis des Ewigen emporgeschwnngen hat. Der Gottessinn war seine innere Stütze und Lebensmacht und ob es durch schaurige Wüsten und Finsternisse dahinwandeln mußte, das Licht der Gotteserkenntnis erhellte Ihm die Pfade des Lebens, es warf stets neue Hoffnungsstrahlen in sein Herz und entzündete in ihm die Flammen der edelsten Begeisterung für die Lehre des Rechtes und der Wahrheit. Es ist ein Bild der düsteren Vergangenheit, das wir uns hier vor Augen geführt haben. Israel trägt geduldig und ergebungsvoll die schwere Last des Elends und der Verfolgung; der Gottcssinn in seinem Herzen rüstet es mit Mut und Standhaftigkeit ans, ist ihm ein Stab der Wonne und der Hoffnung. Wenden wir uns nun der lichteren Gegenwart zu, in der wir, ob auch im Allgemeinen noch vieles zu wünschen übrig bleibt, doch gleiches Recht und gleiche Freiheit wie die anderen Landesbewohner besitzen und wenigstens über Bedrückung und Zurücksetzung nicht so sehr wie früher zu klagen haben. Welche Bestrebungen sind da in den Herzen Israels rege geworden? Ans welche Ziele hat es da seinen Blick gerichtet, um sie mit allem Eifer zu verfolgen und mit unverrückbarer Standhaftigkeit sie festzuhalten? Israel hat ans allen Gebieten menschlicher Thätigkcit seine geistige Begabung, die Gewecktheit seines Hellen Verstandes an den Tag gelegt, aber vorzugsweise war sein Streben darauf gerichtet, der Freiheit weitere Bahnen zu öffnen, festere Stutze zu schaffen. Umfassende, möglichst weit ausgedehnte, durch keine Schranke gehemmte Freiheit — nicht blos für sich selbst, .sondern für alle Völker, für die Menschheit im Allgemeinen, das galt als das schönste, erstrebenswürdigste Ziel. In de» Herzen Israels hatte ein Frciheitssiiin sich entfaltet, tvie man ihn schon lange in seiner Mitte nicht gekannt, ihn sich selbst nie zugetraut hatte. Vergangenheit und Gegenwart zeigen uns, daß Israel einen eben jo tiefen Gottessinn als mächtigen Freiheitssinn besitzt und daß beide zu dem Grlmdwesen des jüdischen Geistes gehören, ihm Schwung und Lebendigkeit zu verleihen vermögen, aber — und das ist das Traurige an der Wahrnehmung, die wir hier machen — jene beiden an sich so trefflichen Eigenschaften fanden sich in allen diesen Zeiten nie vereinigt in Israel. Wenn die eine hervortrat, war die andere geschwunden, wenn die eine die Geister

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