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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-04-01 · Heft 4 (1.4.1886) · p. Seite 77

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 4 (1.4.1886)
Date
1886-04-01
Page
Seite 77 (sequence 5)
Language
German
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77 Volksgeiste war neues Leben erwacht, ein Frühlingshauch der Verjüngung war durch die Herzen dahingeweht und die kühnsten Erwartungen, die an das Werk der Erlösung sich knüpfen konnten, waren von dein erreichten Erfolge weit überholt und übertroffen worden. Noch ivar ein Jahr nicht ganz vergangen, seitdem Israel aus Aegypten gezogen — ans den Herzen war noch kaum die Furcht vor der Gewalt des Drängers geschwunden — und schon hatte der Geist der Freiheit sein schönstes und herrlichstes Denkmal sich in Israel errichtet. „Und es geschah int ersten Monate des zweiten Jahres seit dem Auszüge ans Aegypten und zwar am ersten Tage dieses Monats", da wurde in fertiger Vollendung hergestellt das göttliche Heiligtum, das die Erlösten an den Erlöser erinnern sollte, die Befreiten an den erhabenen Schöpfer und Spender der Freiheit. Gerade in deni Monate, in welchem Israel das erste Jahresfest seiner für alle Zukunft so folgenreichen, für alle Zeiten so denkwürdigen Erlösung zu feiern sich anschickte, sollte in Israel auch das Heiligtum des Eine» Gottes aufgerichtet werden und die Weihe, die von ihm ausgieng, allen Herzen sich mitteilen und mit ihrem Himmclsglanze die freudigen Gefühle umstrahle», die in denselben neu auslebten, die erhebenden Erinnerungen, mit welchen Israel in seine jüngste Vergangenheit zurückblickte. Das erste Jahr der Freiheit, so erinueruugsreich in deni Andenken an die Gnadenthaten Gottes, es war auch ebenso hoffnungsreich und verheißungsvoll geworden durch die Heilesthaten Israels und Freiheitssinn und Gottes sinn in schönstem Bunde und in herrlichstem Einklang, das ist das Bild, das an seinem Ausgange sich entrollt, die Frucht, die auf seinem Boden gereift ist. Der Monat Nissan ist wieder bald da! Bald werden auch wir das alte Erlösungsfest Israels wiederum feiern, der Freiheit gedenken, welche auch uns nach langem vergeblichen Hoffen zu Teil geworden ist. Ob wohl auch in unseren Herzen mit dem Freiheitssinne, von dem sie beseelt sind, jener lebendige Gottessinn verbunden ist, der ihn weiht und läutert, ihn heiligt und veredelt und aus ihm das bessere Menschtum, das höhere Geistesleben herausgestaltet? Bei einer unbefangenen Betrachtung der Wirklichkeit tvird es kaum gestattet sein, diese Frage zu bejahen. Wird es ja in unseren Tagen geradezu wie ein unbezweifelbarer unbestreitbarer Glaubenssatz verkündet, daß Religion und Menschentum in Gegensatz zu einander stehen, Gottessinn und Freiheitssinn schlechterdings nicht zu vereinen seien und die Folgen dieses Jrrivahns, die Früchte dieser Anschauung — wahrlich, wer Augen hat, um zu sehen, wer die Zeichen der Zeit zu deuten versteht, der tvird sich keinen Augenblick einer Täuschung darüber hingeben, daß die verhänguißvolleii Wirkungen der Goltlvsigkeit, der Verlogenheit in That und Gesinnung, die sich bei uns eingenistet hat, seitdem man die Lehre der ewigen Wahrheit verlassen, sich zu zeigen beginnen und schtvere Gefahren das Heil unserer Zukunft bedrohen. Es ist Zeit, daß Israel aus dem Taumel der Verblendung erwache, das; cs sei» Herz lveiser Belehrung öffne und den Weg der Wahrheit wieder aufsuche. Bei aller Ausbreitung des äußereil Allsehens, das Israel in den letzten Jahrzehnten erlangt hat, ist von einer Erhöhung des jüdischen Geisteslebens, von der Verherrlichung unseres Glaltbcns und unserer Lehre gar wenig zu merken gewesen. Bei aller Herrlichkeit, mit der Israel überhäuft wilrde, ließ man das Judeiitum verfallen. Die Vernachlässigung desselben hat immer mehr zugenommen und noch hellte lastet auf ihm der Druck liebloser Willkühr und Unvernilnft. Das Judentum muß in unserer Mitte wieder zu seinem Rechte kommen, die Menschheit muß tvicdernm erkennen, daß die Religion des Geistes in Israel

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