Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1886)
- Date
- 1886-04-01
- Page
- Seite 76 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969924--1619-2976226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
76 Glut zu entfachen. Der gewaltige Trieb nach Wissen und die hohe Meinung, die man noch heute in der jüdischen Gesainnttheit von geistigem Reichtum hegt, dergestalt, daß sie selbst der nicht grade judenfrcundliche Ed. von Hartmann in seiner neuesten Schrift nicht umhin kann zu bewundern, dieser edle Zug, der sich schon in den-sehr alten Schriftdenkmälern, wie in den Sprächen Salomos und den apokryphischen-Büchern der Weisheit und Sirachs glänzend offenbart, hat gewiß in jener Zeit, von der wir sprechen, eine bedeutende Stärkung erfahren. Daß damals die Mäcenitüt im Kleinen vielfach unter den Juden geblüht, das geht aus zahlreichen Anssprüchen des Talmud hervor. Die „Jünger der Weisheit" unterstützen, ihnen mit Ehrfurcht begegnen, sie gastfreundlich ins Haus aufnehmen, überhaupt ihren Umgang und ihre Unterhaltung suchen, gilt als vorzüglich heilsam und verdienstlich. Kein Wunder also, daß wir da auch schon in gewissem Sinne einem Mäcen im Großen begegnen. Es.ist R- Inda Hanassi, der Patriarch, d. i. das religiöse Oberhaupt der damaligen Judenheit in Palästina, im 2. nachchristlichen Jahrhundert bekannt besonders durch sein epochemachendes Werk Mischna, welches die Grundlage für die geistige Arbeit der folgenden drei Jahrhunderte gehildet. Nicht minder groß aber als die Gelehrsamkeit war der Reichtum und der Edelsinn dieses Mannes. Von dem ersteren sagte man sprichwörtlich: „Rabbi Juda's Viehställe haben mehr Wert als des persischen Königs Schatzkammern. Den letzteren aber bekundete er, indem er, für sich selbst äußerst anspruchslos, seine großen Reichtiimer dafür verwendete, die zahlreichen Jünger, die vom Jnnnd Auslände zu seinem Lehrhanse geströmt waren, ganz auf seine Kosten zu unterhalten. Die Hauptgenossen R. Jnda's sagten von ihm: er habe seinen Reichtum für seine Person nicht im geringsten genossen. Die Beschäftigung mit der Wissenschaft galt in seinen Augen so viel, daß sie ihm belohnenswert schien, selbst wenn sw eine durchaus verfehlte, ihm verhaßte Richtung eingeschlagen. So öffnete er, eingedenk der tiefen Gelehrsamkeit des abtrünnigen Acher, nach dessen Tode seinen notleidenden Töchtern liebreich die Hand. Auch sonst sehen wir in ihm den Philantropen mit dem Mäcen wetteifern. Zur Zeit der schrecklichen Hungersnot und Pest unter Marc Aurel öffnet R. Juda Hanassi seine Vorratskammern und verteilt Korn unter die Dürftigen. Er hatte zwar anfangs nur diejenigen unterstützen wollen, welche sich irgendwie mit Studium beschäftigten, dagegen die Ungebildeten von seiner Wolthätigkeit ausgeschlossen. Als aber einer der notleidenden Gelehrten, der von seiner Gottesgelehrtheit keinen Nutzen ziehen wollte, die Worte sprach: „Speise mich nicht als einen Weisheitsjünger, sondern wie man mitleidsvoll einen hungrigen Raben sättigt," da sah Inda seinen Irrtum ein, und verteilte seine Spenden ohne Unterschied. — (Forts, f.) Kreiheilsstnir und Gottesflrru im Wunde. Eine Niffan-Bctrachtung. Noch war ein Jahr nicht ganz vergangen, seitdem Israel aus Aegypten gezogen und von seinen Schultern das drückende Joch grausamer Tyrannenherrschaft gefallen war, und schon hatte die Sonne der Freiheit, in deren Lichte ein neuer Frühling ihm aufgieug, herrliche Früchte auf seinen Gefilden gezeitigt. In dem erstarrten, Jahrhunderte hindurch verfinsterten und niedergedrückten