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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-04-01 · Heft 4 (1.4.1886) · p. Seite 75

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 4 (1.4.1886)
Date
1886-04-01
Page
Seite 75 (sequence 3)
Language
German
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75 Macht man aber also die wundersame Wahrnehmung, daß sich der edle Begriff der Mäcenität mit seinem Urheber nicht so ohne Weiteres deckt, so wird es vielleicht, wie ich hoffe, keine unwillkommene Ucbcrraschung sei», denselben in einem ganz anderen Kreise, unter zumeist erschwerten Verhältnissen, in bescheidener,, geräuschloser Stille zwar, aber in seiner edelsten und segensreichsten Wirksamkeit, veranschaulicht zu sehen. Ich meine die glühende Begeisterung, welche in den verschiedensten Phasen der jüdischen Geschichte von einzelnen hochgestellten Jude» auf die Pflege der Wissenschaft und Erkenntnis unter ihren Glaubensgenossen ward ausgestrahlt. Sie beschützen die Wissenschaft ohne jeden selbstischen Gedanken; vielmehr konnte ihnen ein so reges Interesse für die Glaubensbrüder eher von schädlicher Einwirkung auf ihre zuweilen hohen politischen Stellungen bei mächtigen andersglaubenden Herrschern scheinen. Ohne jede ehrgeizige Neben an sicht; denn wohl mochte Mäcen in den Angen seines kaiserlichen Freundes durch den Umgang mit einem Horaz an Ansehen zu gewinnen hoffe», aber schwerlich durfte ein Samuel Jbn Nagrela hoffen, durch seine Freundschaft mit Jbn Gabriol in der Gunst seines berberischen Königs noch zu steigen. Und noch Eines, bevor wir zur Schilderung der jüdischen Mäcenität übergehen. Man könnte einwerfc»: Wen haben denn eigentlich die jüdischen Reichen und Staatsmänner gefördert? Etwa einen Horaz, einen Virgil? Ich antworte: sie haben weit mehr gethan. Sie haben, wie der treffliche Schleiden') noch kurz vor seinem Tode nachgewiesen, in erheblichster Weise dazu beigctragen, die Wissenschaft aus dem finsteren Mittelalter herüber in die Neuzeit zu rette». Die sprachlichen, medicinischen, philosophischen, astronomischen, mathematischen und theologischen Studien der jüdischen Gelehrte» im Mittelalter, sie waren von großem Einfluß auf die weitere Entwicklung dieser Disziplinen geworden, tvenn auch derselbe in der.Stille, ohne ruhmredige Prahlerei sich vollzog. Man darf auch fragen, ob ein in römischer Sprache mit dem nationalen Nimbus eines Römers schreibender Gabirol nicht mit seinen Rivalen hätte wetteifern können. Von seinem großen philosophischen Werke wenigstens ist es gewiß, daß es auf die Entfaltung der mittelalterlichen Philosophie einen gewaltigen Einfluß geübt.2) Endlich aber leuchtet es ein, daß der Kern üchter Mäcenität in der reinen, lauteren Liebe zu gewissen höheren, geistigen Bestrebungen liegt und der Maaßstab ihrer Wertschätzung in der Fähigkeit zu finden ist, für diese Bestrebungen gern die größtmöglichen Opfer zu bringen. Diesen Anspruch aber werden wir hoffentlich völlig befriedigt sehen bei den jüdische» Mäcenen, die ich nun aus verschiedenen Zeiten der jüdischen Geschichte vorführcn will. — — Eingeäschert lag Jerusalem und mit ihm alle ehemalige Herrlichkeit des jüdischen Staatswesens. Aber unter der Asche der schauerlichen Brandstätten glühte fort der jüdische Geist, im Denken und Lernen seine Lebenskraft wach erhaltend und erneuernd. Der Römer hatte dem »iedergetretenen Volke Eines gelassen, die Freiheit, Lehrhäuser zu errichten und zu unterhalten, und es ward von dieser Erlaubnis der umfassendste, bewunderungswürdigste Gebrauch gemacht. An Stelle des jerusalemischen, offiziellen Mittelpunktes für die geistigen Bestrebungen tauchten jetzt an vielen kleinen, unscheinbaren Orten Lehrstätten auf mit sozusagen privatem.Charakter, aber gerade deshalb desto geeigneter, die Wißbegierde und die Hochschätzung geistiger Güter im Volke selbst zu nie gekannter ') Schleiden, die Bedeutung der Juden für Erlialtuug und Wiederbelebung der Wissenschaften im Mittelalter. Leipzig 1877. Siehe besonders Joel, Jbn Gebirols Bedeutung für d. Gesch. d. Philosophie. 7*

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