Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1886)
- Date
- 1886-03-01
- Page
- Seite 67 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969923--1609-2976215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
67 von 232 Kultusgemeinden rücksichtlich „der Regelung der äußeren Rechtsverhält« nisse der Judenschaft in Böhmen" überreicht und einhellig vom Landtag beschlossen diese Regelung als ein dringendes Bedürfnis zur verfassungsmäßigen Behandlung mit Beschleunigung der Regierung zu übertragen. Für Rabbinen und Kultusbeamte enthalten die angestrebten Regelungen fast gar keine Rechte, nur Pflichten. Jedoch muß dankbar alles begrüßt werden, was zur Stärkung der Kultusgemeinden gereicht. — Im Nirderösterreichischrn Landtage sprach bei Gelegenheit der Regelung der Lehrergehalte der Herr Abgeordnete Dumba gegen den Antisemitisnius, von dem in Oesterreich auch die Lehrer ergriffen sind. „Es ist traurig" rief er aus, „daß wir Männer, denen wir die Bildung und Erziehung unserer Kinder anvertrauen, in jenem Lager sehen, welches gegen einzelne Konfessionen hetzt, im Lager des Antisemitismus, der unserem Zeitalter zur Unehre gereicht, jeder wahren Bildung und Kultur in's Gesicht schlägt und den Namen Oesterreichs im Auslande compromittirt. In demselben Sinne sprach auch der Herr Abgeordnete Zuess. Daß in den Schulen in Oesterreich das Gift des Antisemitismus sich einschleicht, sehen wir an den Mißhandlungen, denen der Gewerbeschüler Michael Schapira in Wien ausgesetzt war und der, weil er in der Nothwehr gegen rohe Burschen zu weit gegangen, zu einer dreitägigen Arreststrafe verurteilt wurde. — Am 28. Dezember wurde der griechisch-orthodoxe Geistliche Stefan Achim, welcher am 14. Januar 1884 auf dem Jahrmärkte zu Tilcmed das Volk gegen die Juden aufhetzte, indem er sie als Heiden bezeichnetc, von der königlichen Tafel zu zwei Monaten Gefängnis und hundert Gulden Geldstrafe verurteilt. — Am 23. Dezeinber fällte der Wirnrr Gerichtshof ein Urteil in Angelegenheit des vor Kurzem ermordeten jüdischen Hadernsammlers, Namens David Schwarz, der, als er mit seinem Wägelchen in der Nähe einer der Wiener Vorstädte fuhr, von einem Arbeiter derart mißhandelt wurde, daß er auf der Stelle seinen Geist aufgab. Der Gerichtshof, sich auf das Gutachten des gerichtlichen Obduzenten stützend, welches dahin lautete, daß die Wunde, welche Schwarz am Kopfe hatte, nur eine leichte Verletzung sei, der Tod jedoch infolge eines schon lange bestandenen Herzfehlers am Herzschlage eingetreten sei, verurteilte den Angeklagten bloß wegen „leichter Körperverletzung" zu nur acht Tagen Arrest! — Der Reservlieutenant Ernst Wahrmann, Sohn des Vorstehers der Budapester israelitischen Gemeinde, hat in einem Säbelduell seinen Gegner, einen Kadetten, verwundet. — Am 17. Dezember hielt Herr Ad. franst, Mitglied der Akademie, in der Generalversammlung des Vereins für jüdische Studien in Paris einen Vortrag über „die erste Sünde der Frau." — Das Brüsseler Blatt „La Gliromque4 bringt in der Nummer vom 9. Januar einen kurzen Artikel über eine von dem dortigen Cercle Catholique ergangene Einladung zu einer Vorlesung über „la questiov julve“ (die Judenfrage). Das Resumä dieser Vorlesung, welche von einem Herrn prehrrbu gehalten wurde, ist nicht schwer zu errathen. Uebrigens — ein Redner im Cercle Catholique — konnte er die Juden anders denn als Feinde auffassen? Feinde? Sie sind es gewiß ebensosehr als die Freidenker und Freimaurer. Leugnen sie nicht die Gottheit Jesus Christus? Weigern sie sich nicht der unbefleckten Empfängnis Glauben zu schenken? Stehen sie nicht aufrecht und bedeckten Hauptes bei der Gottesverehrung, anstatt niederzuknieen wie die guten Katholiken. Und dann sind sie über die ganze Erde ausgebreitet ohne Oberhaupt, während die römisch-katholischen dem Papst, die griechisch-katholischen dem Patriarchen von Constantinopel gehorchen. Folglich beleidigen die Juden sichtbar das höchste Wesen, welches sich nothwendig 4*