Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1886)
- Date
- 1886-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969923--1605-2976211- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
63 durch die Hingebung an diese sich wahre Freiheit erwerben. Diese göttliche Verbindung Gottes mit dem Menschen verlangt Zweierlei: Erstens, die Existenz des göttlichen Geistes im Menschen; zweitens den beständigen Ausflluß der göttlichen Gnade gegen den Menschen. Die Vereinigung mit Gott erfordert, daß der Mensch seine Endlichkeit aufgiebt, um die Unendlichkeit zu empfangen, und Gott offenbart beständig sich selbst durch das freie Geschenk unerschöpflicher Liebe den menschlichen Seelen, welche den göttlichen Besitz wünschen. Dieses mystische Geben und Empfangen wird mit Recht als das Fundament des geistigen Lebens, als die Triebfeder der Religion betrachtet. Das Christentum drückt diese enge Verbindung und den Verkehr mit Gott durch die Dogmen der Inkarnation und Sühne aus. Selbst die spekulative Philosophie, die diese Dogmen abweist, erkennt in ihnen eine passende Form religiöser Wahrheiten, und läßt annehmen, daß wir für die Zukunft nicht einer Verleugnung derselben, sondern eine Umgestaltung zur Harmonie mit der Vernunft derselben entgegensehen. Das Judentum ist nur streng gegen die gewöhnliche Auslegung der Inkarnation, und der Sühne. Entgegen der Ansicht, daß ein Bruch zwischen Gott und Mensch stattgefunden habe, ist ihm kein besonderer Sühnakt notwendig. Während es eine enge Bekundung zwischen Gott und Mensch lehrt, ist es gegen die gefährliche Doktrin der Inkarnation Gottes, welche nach der populären Ansicht die absolute Manifestation Gottes in menschlicher Form bedeutet. WaS jene beiden Dogmen für Sittliches in sich haben, kann durch gewissenhaftere^Auslegung, als es bisher geschah, aus der Lehre von der im „Ebenbilde Gottes geschaffenen Menschheit" hergeleitet werden. Nach diesem Dogma ist das Unendliche stets im Endlichen wiedererzeugt und so der Menschensohn durch ein wirkliches, wenn auch mystisches Band mit dem göttlichen Vater verbunden. „Der ewig lebende Erlöser" ist dem jüdischen Ohre bekannt. Was Warhes und Göttliches im Mystizismus liegt, kann aus dem Judentum wie aus dem Christentum entnommen werden Noch ist die Doktrin der Gleichheit aller Menschenrassen vor Gott zu besprechen, wie sie besonders Paulus zuerst lehrte. Paulus spricht von dem „neuen Menschen", welcher den, welcher ihn anlegt, dahin bringt, wo kein Grieche noch Jude, Beschnittener noch Unbeschnittener, Barbar, Scythe, Sklave, Freier ist, sondern wo Christ Alles und in Allem ist!" Diese Doktrin ist voll der modernen Synagoge mit der Substitution „Gott" für „Christ" adoptirt und zwar im weitesten Sinne, ohne zuvor die „Rechtfertigung durch den Glauben" als Vorbedingung zu stellen. Ein Leben dem eigenen Ideale gemäß läßt alle Menschen gleich erscheinen vor Gott. Es werden überall die verzweifeltsten Anstrengungen gemacht, diese Doktrin in das alte Testament und in den Talmud hineinzulesen. Eine weisere, weitere Auffassung des Judentums und der Offenbarung Gottes wird allmählig die Ueberzeugung mit sich führen, daß in Religion wie in den meisten andern Dingen das Gesetz der Entwickelung immer wirksam ist. Soviel von Jnklnsivität. Hinsichtlich der Exklusivität, daß nämlich das ■ Judentum Ansichten von sich ausscheiden muß, welche das moderne religiöse Bewußtsein verwirft, wird sich das Judentum dem Zeitgeiste anschließen können. Es ist nun die Uebereinstimmung mit der Wissenschaft zu untersuchen. Das Judentum, welches nicht eine buchstäbliche, sondern mit der Vernunft vereinbare Annahme der biblischen Wunder erfordert, ist hier gegen das Christentum im Vorteile. Die wesentlichen jüdischen Dogmen, einschließlich „Prophetie" und „Höre Israel" sind unabhängig vom Wunderglauben. Das Christentum verfällt in