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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-03-01 · Heft 3 (1.3.1886) · p. Seite 57

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 3 (1.3.1886)
Date
1886-03-01
Page
Seite 57 (sequence 9)
Language
German
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- 57 — Unsere Zustände. Das Verkehrteste in unseren Zuständen ist die Spaltung und Parteiung in Israel. Von Sektierung kann man nicht reden, denn es handelt sich nicht um religiöse Differenzen; Lehren und Gesetze, Schule, Gottesdienst und Leben sind in beide» Lagern, den sogenannten Orthodoxen und Reformern fast gleich. Die Haupt- Unterscheidung zwischen beiden liegt darin: ob mau im Sinne jener das Judentum in seiner mittelalterlichen Gestaltung wie eine starre Mumie konserviren oder im Sinne der letzteren wie einen lebendigen Organismus fortentwickeln solle. Die Lehren als ideelle Prinzipien des Judentums waren und sind sich zu allen Zeiten gleich gewesen und werden, ja müssen sich gleich bleiben;-die Gesetze aber, die praktische Anwendung dieser Prinzipien, womit sie in die Erscheinung treten, haben verschiedenen zeitgemäßen Abänderungen unterlegen. Moses selbst vermochte seilt Judentum nicht ideell zu gestalten, er mußte vielmehr die überlieferte Vergangenheit, die widerstrebende Zeit- und Volkssitte, die Verhältnisse seiner Zeit und der Gegenwart berücksichtigen. Das Judentum der Wüste tvar darum ein anderes, als das des heiligen Landes; sogar schon in Rahmen der mosaischen Bücher. Es ist darum ein Wahn, zu glauben, daß das Judentum auf den alten, tvie man sagt: reinen Mosaismns wieder zurückgeführt werden könne. Das prophetische Judentum unterscheidet sich vielfach von dem mosaischen, das der zweiten Tempelperiode von dem der ersten, das talmudische von bent biblischen, das rabbinische von dem talmudische», das des später» Mittelalters, welches durch Kabbalah und Mystik gefärbt war, von dem früheren, welches durch seine Religionsphilosophie und Denksreiheit gekennzeichnet ist, und das Judentum der Neuzeit unterscheidet sich, tviederum durch sein Bestreben, seine ällßere Gestaltung mit der freien Stellungen Einklang zu bringen, welche die Juden jetzt gewonnen haben, der gedrückten Stellung gegenüber, ivelche sie in „der Vorzeit einnahmen. Wir wiederhole», daß es sich hierbei nicht um eine Änderung der Ideen und Prinzipien des Judentums handelt, welche ewig und unabänderlich sind und das innere Geistesleben des Judentums ansmachen, sondern nur um die äußeren Formen, in denen sich dieses Geistesleben äußerlich bethätigcn soll und kann. Wenn diese vielfach im Widerspruch stehen mit den überlieferten Formen des finsteren und verfolgungssüchtigen Mittelalters, so erinnern wir zur Rechtfertigung ihrer Abänderung an die Thätigkeit der Akiba'schen Schule bei der Neugestaltung des jüdischen Lebens unter der Herrschaft der Römer. Die» ist die Entwickelung des Judentums, welche mau als beit fortschrittlichen Standpunkt der Reformer bezeichnet, im Gegensatz zu den Orthodoxen, welche Entwickelung und Fortschritt perhorresziere», uni das Judentum iu frommer Meinung und Bestrebung so zu erhalten, wie cs sich unter dem Drucke des finstern Mittelalters gestaltet hat und besonders in den letzten Jahrhunderten desselben codificirt worden ist, ähnlich den Maßregeln und Vorschriften, ivelche die'scholastische Richtung des Christentums zur Bekämpfung der freisinnigen und reformatorischcu Bestrebungen iu der christlichen Kirche anwandte. Diese fortschrittliche und reformatorische Entwickelung des Judentums zu leite», ist an sich schon ein schwieriges Werk, welches Fach- und Sachkentnis, allgemeine Bildung, Interesse und Zeit erfordert, wird aber noch schwieriger gemacht durch den Gegensatz und die Opposition, in welche sich die Orthodoxie dazu stellt. Und doch stehen an der Spitzender Gemeinde», selbst für Leitung der religiösen und kultuellen Fragen, VorstäirRr welche im günstigen

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