Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1886)
- Date
- 1886-03-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Falle sogenannte Halbgebildete, meistens aber Kaufleute unter sich zählen, denen Fachkenntnis, Zeit und Interesse mangelt; die Rabbiner, die berufenen Fachmänner, sind nieistens ausgeschlossen oder sind doch nicht berechtigte und direkt beteiligte Mitglieder des Kollegiums. Die Entwickelung des Judentums steht deshalb still; die sie vertretende Reformpartei ist indifferent und die gegensätzliche orthodoxe Partei ist oppositionell. Die Erscheinung der Stagnation und Opposition tritt uns überall entgegen; auch bei dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde, welcher kürzlich eine historische Kommission gebildet hat zur Erforschung und Darstellung der Geschichte der Inden in Deutschland. Es ist dies ein anerkennungswertes Unternehmen, aber auffälliger Weise ist diese Kommission hauptsächlich ans christlichen Professoren zusammengestellt, mit Beigabe von einzelnen Juden, welche jedoch sämmtlich, Juden wie Ehristen, letztere noch weniger als jene, ausreichenden Beruf und ausreichende Kenntnis für ein so schwieriges Werk haben. Auch hier, glauben wir, liegt die Schuld wiederum an dem Gegensatz der reformatorischen und orthodoxen Partei. Um nicht Rabbiner und Fachgelehrte aus beiden Lagern oder ohne Rücksicht auf die religiöse Parteirichtnng, zu vereinigen, vielleicht auch tveil sich solche nicht vereinigen ließen, hat man beide, und somit auch die Haupt- Historiker und Heroen der jüdischen Wissenschaft, umgangen und ausgeschlossen. Wir glauben, daß der Gemeindebund ungern so gehandelt hat, aber geglaubt hat, aus Klugheitsrücksichten so handeln zu müssen. Wir sehen, das Judentum ist überall krank; die Stockung seiner Lebenskräfte und -Thätigkeft zeigt sich nicht blos in der Synagoge und im Leben, sondern auch aus dem freien Gebiete jüdischer Wissenschaft. Der Mangel an sachgemäßem Urteil auf der einen und der Ueberfluß an indifferenter Gleichgültigkeit auf der andern Seite sind so groß, daß die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin von unseren Reichen darum so wenig unterstützt wird, weil man behauptet, es gebe keine spezifische jüdische Wissenschaft, könne und solle keine geben. Dennoch unterstützen dieselben Leute das orthodoxe Rabbinerseminar in Berlin, aus Gleichgültigkeit gegen das Geld, oder aus Connivenz gegen den Anforderer, oder auch aus Wolthätigkeit, nicht religiöser, sondern humaner. Solche Mißverhältnisse müssen gehoben werden. Wir glauben, am besten dadurch, daß die leitende Macht für die Angelegenheiten des Judentums nicht ausschließlich in den Händen unkundiger und gleichgültiger Laien liege, sondern daß dafür auch Rabbiner und jüdische Gelehrte mit herangezogen und an der Leitung sowohl der speziellen Gemeindewie der allgemeinen jüdischen Angelegenheiten beteiligt werden. li. frofon, gesprochen bei der Ä)?endel§sohn Feier des „akademischen Vereins für jnd. Geschichte n. Litteratirr" in Berlin. Die Weltgeschichte ist ein heiliger Boden, Dein sich die Gegenwart mit Ehrfurcht naht, Ein jeder knie't am Grabe seines Toten — Denn jeder seine großen Toten hat — Legt einen Kranz von frischen Reisern nieder, Wo hundertjährige Cypressen wehn, Und in dem Geiste lebt der Tote wieder, Und seine Thaten wieder auferstehn.