Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1886)
- Date
- 1886-03-01
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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55 Unthätigkeit und Gleichgültigkeit nicht herausgetreten waren. Da möchte inan in gerechtem Unmute dem besseren Streben, von dem das Herz durchglüht ist, vollends entsagen und nur jener verzweiflungsvolleil Stimmung sich überlassen, die Alles preisgiebt, woran die Seele sich erhebt — doch gerade da gilt es erst recht, den Glauben an den endlichen Sieg des Guten sich zu bewahren, da ist dieser Glaube selbst eine herrliche That. Und ist dieser Glaube denn wirklich nichts mehr als eine Frucht der Einbildung und Selbsttäuschung? ist es nicht gerade die reinste Erkenntnis und tiefste Einsicht, in der er wurzelt und feststeht? hat er nicht zu allen Zeiten die heilsamsten Fortschritte angebahnt und vorbereitet? Sind nicht oft gerade >die Männer, deren Streben von ihren Zeitgenossen nicht beachtet, nicht verstanden wurde, die Bahnbrecher sittlicher Vollendung, die Bannerträger der geistigen Erlösung für die Zukunft geworden? Sie habeil zwar lange vergebens sich Gehör zu verschaffen gesucht, vergebens angekämpft gegen die Beschränktheit und Niedrigkeit, die sich ihren Lehren hartnäckig verschloß, gegen die Gemeinheit und Böswilligkeit, die erfolgreich und triumphirend ihrer spotten durfte, allein schließlich hat doch die Wahrheit über die Lüge gesiegt, auf welche der Fluch ihrer eigenen Thaten zurückgefallen ist. Vom Wollen zum Thun — das ist ein weiter Schritt, der nicht immer so leicht vollführt ist, als man von vornhereiir es sich denken mag, aber dennoch auch nicht schwer wird, wenn nur dieser Wille selbst fest, entschieden und lauter ist. Es war ein großes Werk, das Moses mit Israel vor hatte- Schwierigkeiten über Schwierigkeiten hatten sich der Ausführung desselben entgegengestellt. Er wollte Israel frei machen und sie riefen: Wir wollen uns ein Oberhaupt wählen und nach Aegypten zurückkehren, er wollte dem einen ewigen Gotte ein Heiligtum errichten und sie ließen ein goldenes Kalb zur Verehrung in ihrer Mitte ailfstellen. Wer hätte wie "er ein Recht dazu gehabt, dieses thörichte und wiederspenstige Volk seinem eigenen Schicksale zu überlassen und sich für immer von ihm loszusagen? Und dennoch ließ Moses von der Verzweiflung und Entrüstung, die darob sein Herz erfüllte, sich nicht entmutigen und mit der Standhaftigkeit, mit der das Gottesbewußtsein und der Glaube an den Sieg des Guten ihn ausrüstete, harrte er treu einer Zeit entgegen, in der der sinstere Wahn vor dem Lichte der Wahrheit fliehen und der edlere Geist in dem Volke wieder Boden finden und Wurzel fassen werde. Und in der That er hat sich auch nicht getäuscht. Als das, was er gewollt, zur Ausführung gelangte und er daran gieng, eine geheiligte Stätte der Belehrung und der Andacht vor dem Ewigen anfzurichten da gab sich hiefür eine überraschende, alle Erwartungen weit überbietende Teilnahme im Volke kund. Tag für Tag, kaum nachdem der Morgen angebrochen, drängten sich die Kinder Israel hinzu, um stets neue Spenden für das Heiligtum darzubringen. Man beklagte sich nicht über die karge Teilnahme und selbstische Zurückhaltung — nein! über die verschwenderische Freigebigkeit, die hier zu Tage trat, über den grenzenlosen Wetteifer in der Herbeitragung der Spenden und Gabe». Man konnte dem Mose nur berichten, daß das Volk zu viel schenke und spende, weit mehr als für das Werk, selbst wenn es zur herrlichsten Vollendung geführt werden sollte, erforderlich sei. Ja, das gieng so weit, daß man sich genötigt sah, dieser unerschöpflichen Freigebigkeit Schranken zu ziehen. Moses mußte es ausdrücklich gebieten und in allen Abteilungen des Lagers ausrufen lassen, die Männer und Frauen sollten sich doch nicht weiter bemühen und sollten einhalten mit den Gaben für das Heiligtum, worauf denn endlich