Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1886)
- Date
- 1886-03-01
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 ihrer Ueberzeugung nicht hinter dem Berge hielten, und auch nicht immer Mäßigung, Besonnenheit und Selbstbeherrschung genug besaßen, um ihre Verachtung dem fremden Kulte zuverbergen, läßt sich leicht denken. Daß aber Griechen und Römer oder auch Phönizier und Syrer diese Verachtung ihrer Religion von seiten der Juden nicht-ungestraft hinzuuehmen geneigt waren, liegt auf der Hand, sie mußten sich dafür räche», und das selbst in dem Falle, wenn sie aufgeklärt genug waren, um es selbst mit ihrer Religion gar nicht ernstlich zu nehmen. Die Religion ist immer, selbst für den freien Denker, ein Stück seiner Individualität und er fühlt sich auf das Empfindlichste verletzt, wenn ihre Mängel, die er selbst genugsam kennt, von andern, die außerhalb derselben stehen, bemerklich gemacht werden. Dio einfachste Art für die Polytheisten, die Verachtung der Juden für ihre Religion wett zu machen, war freilich ihrerseits wieder die jüdische Religion zu verachten. Aber das war nicht gar so leicht; die Juden hatten eben keine solche Mythologie, die leicht ins Lächerliche hätte gezogen werden können, und der Gott der Inden, der nnkvrperliche Schöpfer und Beherrscher des Weltalls, flößte ihnen selbst tvider ihren Willen einen gewissen Respekt ein, den die Vernünftigen am wenigsten zu bemeistern im Stande >varen. Nicht ohne Grund sagt der Talmud:') „Bon Tyrus bis Cartagena (ungefähr die ganze Ausdehnung des großen römischen Reichs) kennt man Israel und kennt auch seinen Vater im Himmel, von Tyrus aber weiter östlich und von Cartagena westlich kennt man weder Israel noch seinen Vater im Himmel." Um die Religionder Inden zu verniiglimpfen und zu verspotten mußten die haarsträubendsten Lügen ersonnen, die gröbsten und handgreiflichsten Verläumdungcn vorgebracht, die ungeheuersten Absurditäten aufgetischt werden. Man sehe nur, welche schmutzige, boshafte Verläumdungen, welche mutwillige Verdrehungen der geschichtlichen Thatsachcn Josephus Flavins in seinen Büchern gegen Apion, zu widerlegen sich die überflüssige Mühe nimmt. Man sehe was der gefeierte Geschichtsschreiber Tacitns^) in den drei kurze» Kapiteln, welche er der Schilderung der Inden widmet, in diesem Punkte zu leisten vermag. Der gute Tacitus, er mag sich winde» wie er will, er muß doch gestehen: Die Juden erkennen mit dem Geiste allein nur ein höchstes, ewiges, unveränderliches und unvergängliches Wesen." — Man fühlte es heraus, daß diesem unsichtbaren Gotte gegenüber weder römische noch griechische Götter Stand halten können. Aber jedes Volk und jedes Individuum, welches sich merken läßt, wie es sich für besser und vorzüglicher hält als alle Andern, hat nichts anderes als den verborgenen oder offenkundigen Haß aller Andern dafür zu gewärtigen. Es wird dieser Haß ein verborgener oder ein offenkundiger sein, je nachdem die Rangstufe, die Machtsphäre jenes Volkes oder jenes Individuums eine bedeutendere oder geringfügigere ist, und es wird dieser Haß ei» um so intensiverer sein, je begründeter und je bedeutungsvoller der Vorzug ist, den das einzelne Volk oder das einzelne Individuum den Andern gegenüber für sich in Anspruch nimmt. Die Eitelkeit der Menschen und Nationen, die mit kleinlichen und nichtssagenden Eigenschaften und Vorteilen groß thnn, belacht oder belächelt man und findet sie verzeihlich, benr Stolze aber der Einen und der Andern, der auf wirkliche nicht zu negierende Vorzüge pocht, diesem kann nur der bitterste, der unversöhnlichste Haß zu teil werden. * *) Menachoth toi. 110; a. «) Hist. V. 3—5.