Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-03-01 · Heft 3 (1.3.1886) · p. Seite 50

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 3 (1.3.1886)
Date
1886-03-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2969919-2969923--1592-2976198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

50 Wir entnehmen unsere Notizen über Rom und die Römer durchweg theologisch-exegetischen Betrachtungen, religionsgesetzlichen Erörterungen, welche ausschließlich die Tendenz haben, zur Sittlichkeit, zur Frömmigkeit und zur strikten Beobachmng der religiösen Normen anzuregen. Und in diesen Schriften finden sich manche hingewörfene Bemerkungen, manche beiläufige Thatsachen, manche beispielsweise gebrachten Erzählungen, welche für die Charakteristik der Römer und der Jndfii und ihres gegenseitigen Verhältnisses nicht ohne Nutzen zu verwenden sind. Und diese eingestreuten Bemerkungen, diese sich oft ganz unerwartet einstellenden Nachrichten, verlieren ihren Wert nicht, wenn auch, wie dies in der That sehr oft geschieht, manche orientalische Hyperbel nlitunterläuft und Sagenhaftes vom historisch Wahren zuweilen auch nicht leicht zu unterscheiden ist. Immerhin ist auch die Sage, die Dichtung, von großer Bedeutsamkeit und meistens ist sie es!, die der Erforschung der Wahrheit den Weg bahnt. Ein objektives Urteil über Rom und die Römer dürfen wir von den jüdischen Schriftstellern. der damaligen Zeit, von den jüdischen Theologen, nicht erwarten. Nach Lassen ist im Semiten überhaupt die subjektive Richtung des Geistes vorherrschend imd die Juden werden in dieser Beziehung kaum eine Ausnahme machen. Ich bin weit entfernt alles das bestreiten zu wollen, möchte aber behaupten, daß die rein objektive Beurteilung eines Jndividuunis oder eines ganzen Volkes auch bei Judogermanen zu den höchsten Seltenheiten gehört. Die Objektivität setzt eine philosophische Selbstlosigkeit voraus, wie sie nur den Wenigsten eigen sein kann. Aber sind etwa die römischen Schriftsteller weniger subjektiv? beurteilen sie die Völker anders als je nachdem sie, die Herren der Erde, mit dieseil Völkern zufrieden oder unzufrieden zu sein Ursache haben? Sind sie irgend no geneigt den Tugenden ihrer Feinde, ihrer Tapferkeit, ihrer Freiheitsliebe, ihrem Mute Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? Kann die Schilderung, welche Tacitus^ von den Juden entwirft, auf Objektivität Anspruch machen? Oder, um ein Beis fiel ans der neuesten Zeit anzuführen, haben die größten Geister des heutigen Frankreichs es über sich vermocht, über ihre deutschen Sieger ein objektives Urieil zu füllen? ' Die Juden wurden von den Römern unterdrückt, ihrer Freiheit beraubt, niedergetreten, ausgeplnndcrt, ihre Heimat, ihr Vaterland wurde von ihnen verwüstet, ihre Hauptstadt zerstört, ihr Gottestempel in Asche gelegt, und jede Regung ihres _ Selbstgefühls, ihres Unabhängigkeitssinnes in ihrem Blute erstickt. Hunderttansende Juden wurden von den Römern entweder auf dem Schlachtfelde getötet oder nach errungenem Siege grausam hingemordet, ungeheuer ist die Zahl derjenigen die in die Sklaverei verkauft wurden, oder znr Augenweide des römischen Pöbels sich als Gladiatoren unter einander zerfleischen oder mit wilden Bestien kämpfen mußten. Es ist daher kein Wunder, wenn die Juden einen glühenden, einen unversöhnlichen Haß gegen Rom und die Römer nährten, und diese Leidenschaft beherrscht sie, so oft sie in ihren Geschichten auf Rom und die Römer zu sprechen kommen, I und wir können daher kaum von ihnen erwarten, daß sie als unparteiische Richter ihr Urteil abgeben. Die Römer wurden auch von allen andern Völkern, die einmal in der Lage gewesen, die schwere Hand Roms zu fühle», nicht minder gehaßt als von den Juden. Man kannte die grenzenlose Herrschsucht, die nicht zu befriedigende , Hist. V., 4. 5;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.