Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1886)
- Date
- 1886-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2969669-2969919-2969922--1577-2976182- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gine HLechtferligling des Judentums. Von Claude Montefiore. - ^Fortsetzung.) Welche Stellung nimmt das Judentum in der so unruhigen, alles kritisirenden Gegenwart ein? Vorerst übt es einen vermittelnden, negativen Einstust. Es lehrt eine Mitte zwischen Trinitarismus und Deismus, protestiert gegen das Überflüssige des einen und die Unzureichbarkeit des andern. Es protestiert gegen das Ungenügende einer Ethik, die keinen Gott kennt, und will, daß jede Handlung von rein moralischen Gesetzen geleitet werde. Es behauptet die Notwendigkeit des Glaubens, besitzt eine eigene Theologie, aber will keine Dogmen, die nicht mit der Vernunft vereinbar 'sind, und ist gegen andere, die gegen die Moral verstoßen, feindlich. Es protestiert gegen jede Beeinträchtigung individueller Freiheit, sucht aber ängstlich eine kollektive und organische Einheit zu bewahren. Es sucht einen Halt in der Vergangenheit, aber auch eine Fortentwicklung in der Zukunft, sucht die Wahrheit der Offenbarung zu erhalten, ohne indeß unbeweglich an die in einer vergangenen Zeit niedergeschriebene Offenbarungsurkunde geschmiedet zu sein. Soweit der vermittelnde Standpunkt des Judentunis. Wird es aber auch den Bedingungen einer Religion der nächsten Zukunft genügen können? Einfachheit der Dogmen ist Hauptbedingung einer solchen. Darunter wird Rationalität und Plastizität verstanden. Rationale Dogmen sind solche, die durch ihre eigene Beweiskraft überzeugen oder besondere Fälle eines allgemeinen Begriffes bilden. Bei dieser Prüfung wird das Judentum bestehen können, da die Integrität des Pentateuchs und die Ankunft des Messias nicht mehr als wesentliche Dogmen anerkannt werde». Man vergleiche mit den jüdischen Dogmen die inunakulare Conception in der katholischen Dogmatik, oder sehe, wie schmerzlich bedrückt Hegel war, da er die Rationalität a priori der Inkarnation Christus beweisen soll. (Philosophie der Religion II 233 - 256). Der jüdische Gottesbegriff überschreitet nie die Grenze der Philosophie und erweitert sich mit dem Fortschritte des Gedankens, er widerspricht nie de» Folgerungen der Vernunft. Das einzige spezifisch jüdische Dogma „die Erwählung Israels" kann nicht, wenn nicht Gottesoffenbarung in der Geschichte es wäre, als der Vernunft widersprechend angesehen werden. Plastizität bezeichnet den Widerstand gegen Verderbnis, gegen die Möglichkeit, in einen falschen Sinn verdreht zu werden. Gegenüber der Trinitätslehre steht hier das Judentum als bevorzugt da. Plastizität kann auch ferner bedeuten, daß die Dogmen von Hoch und Niedrig anerkannnt werden können DaS „Höre Israel!" wie das „Gelobt sei, der uns Propheten gesandt hat," sind gleichweise anzunehmen, ohne daß Jemand dadurch nicht die Teilnahme an einem gemeinschaftlichen Glauben empfände. Ein zweites Erfordernis einer Religion ist Jnklustvität und Exklusivität. Ein neuer Glaube oder ein alter, der sich ausbreiten will, muß in sein Doktrin alle solche Tendenzen und Folgerungen, welche von dem fortgeschrittenen, religiösen Gewissen der Menschheit gefordert werden, aufnehmen können. Die Schlußresultate langer Prozesse menschlichen Denkens müssen innerhalb des Glaubens ausgenommen, wenn möglich systematisirt werden. Nun, das so gern als Gesetzreligion, keiner Entwicklung fähige verschrieene Judentum besitzt alle Keime einer Entwicklung in sich.