Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 6 (1886)
- Issue
- Heft 2 (1.2.1886)
- Date
- 1886-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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WSPWWl!■.{)* , '■w~ - 35 — Heldin des Stückes, Cäcilie Mendez, die Dukatenbraut, nicht in einem zu traurigen Dilemma, da sie ihren Widerwillen gegen den geisttödtendcn Ceremonienglauben und ihren Haß gegen den aufgedrungenen Bräutigam Rosenberger dadurch; hekundet, daß sie nach dem Schooße einer anderen Kirche entfliehen will. Wohl aber geben die eingreifenden Episoden und Moniente eine Fülle der wichtigsten Betrachtungen, Winke und Warnungen nach allen Seiten hin, an die Hand- Hören wir^ wie Cäcilie Mendez das religiöse Leben in dem Hause des Vaters schildert: „Zu Hause nichts als tötlichc Langeweile. Fünf-, sechsmal des Tages muß ich Gebete herpapageien in einer alten Sprache, die ich notdürftig lesen gelernt, aber nicht zum zehnten Teil verstehe. Vom Ankleiden bis zum Schlafengehen bin ich auf Schritt nnd Tritt in beständiger Angst, gescholten und gestraft zu iverden für Verstöße gegen eine unhaltbare Menge von sinnlos und lächerlich ausgespitztcn Regeln. Stundenlang täglich sitzt mein -Vater mit heuchlerischen Rabbinern über dicken Folianten, um immer noch solche Vorschriften heranszuklanbe», die wie ein Gewirr von Stacheln jede freie Bewegung verbieten, das Dasein verleiden, indem sie es in ein Zickzackgeschlciche zwischen quälende» Hindernissen verwandeln, und alles das zur Ehre Gottes.-Samstags in der kleinen Synagoge der Altgläubigen sitze ich eingesperrt hinter dem Frauengitter und höre nichts als hebräisches Gepappel, Gesang sein sollendes Gegröhle des Vorbeters, begleitet von nervös machenden Bücklinge» und im Chorus einfallendes Geschnatter der Männer. Von Büchern sind mir nur die schale» oder unverständlichen erlaubt, welche die Herren Rabbiner approbieren. Göthes „Werther", Schillers „Räuber", ja selbst Lessings „Nathan", die ich mir heimlich gekauft, wurden konfiszirt und verbrannt. Als man mich ertappte über „Soll und haben" voir Gustav Freitag, bekam ich sogar Ohrfeigen lind mußte vier und zwanzig Stunden im Finstern sitzen." Wir stehen hier eben vor einer entscheidende» Konsequenz des religiösen Lebens der Gegenwart. Eingerahmt in steifen,Cerenioniendienst stemmt sich ein Theil der Judenheit noch jedem Besserwerden, jeder Reform entgegen und bedenkt nicht, daß dadurch einein andern Glauben, der schon einmal durch das Erfassen des Geistes aus dem toten Zeichenglauben, der Agada und der Moral aus der talniudischen Gesetzesniasse, Anhang und Verbreitung gefunden hat, ein Vorzug vor unserem ursprünglich geistig so hohen, nun aber unter Cereinoniendienst erstickteni Glauben gegeben wird, so daß alle geistig Unbefriedigten, alle nach geistiger Andacht Lechzenden zu ihrem stets offenen Schooße flüchten. Der Banquier Mendez giebt das Vorbild. Voin Pastor Ulrich Sebald mit erhabenen Sprüchen aus dem alten Testamente und tiefen Lehren aus dem neuen Testamente angercdet, überfließen seine Augen in Wonne vor dem tiefen Gehalte und innigen Tröste dieses ihm von den orthodoxen Rabbiner schlau verborgenen Inhalts seiner eigenen Religion. Er ist für das Christentum gewonnen, wenn auch der Verfasser in wohl verstandener Auffassung der wahren Bedeutung eines bloß formellen Aktes ihn nicht taufen läßt. Alls tvelch' schwachen Füßen steht doch ein unverständlicher Silben- und Ceremoniendienst. Es koninit ein geistiger Hauch von außen — er wankt! (Schluß folgt.)