Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1886-02-01 · Heft 2 (1.2.1886) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
6 (1886)
Issue
Heft 2 (1.2.1886)
Date
1886-02-01
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2969669-2969919-2969922--1572-2976177
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

31 kräftigt worden ist, daß sie als festgestellte Thatsache erscheint." Darauf erwidert nun der Naturforscher Prof. Huxley in derselben Zeitschrift. Er sagt: „Wenn ein griechischer Geschichtsschreiber versicherte, daß das Zeitalter Alexanders dem des Perikles vorhergieng und unmittelbar nach dem trojanischen Kriege war, so würde Gladstvne kaum sagen, daß diese Ordnung von der Geschichtswissenschaft als feststehende Thatsache,bekräftigt worden sei. „Die Naturwissenschaft bekräftigt die Schöpfungsgeschichte in eben derselben Weise!" Und doch spricht Huxley keineswegs in unehrerbietiger Weise von der Bibel. Er ist überängstlich, den Norwurf solcher Unchrcrbietigkeit zu vermeiden. Er ergeht sich in glaubensgetreuer, bewundernswerter Weise über das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Religion und stellt sich somit auf den einzigen vernünftigen Standpunkt. Die Domänen der Wissenschaft und Religion sind unterschieden! Die Stelle Mich. 6, 8 citirend, sagt Huxley: „Welche Wissenschaft erweitert, welche Schärfe der Kritik berichtigt diese Lehre „Was verlangt der Herr von dir, als Recht zu handeln, Gnade lieben, und demütig wandeln vor deinem Gotte?" Wieviel können die im heißblütigen Streite sich befindlichen Orthodoxen und Reformer von diesem protestantischen Professor lernen, der niit mehr Ehrerbietung von der jüdischen Religion spricht als manche unserer orthodoxen und sagen wir auch reformistischen Heiligen! Möge man überall Wissenschaft und Religion, Glaube und Zeiterfordernis schicklich von einander zu trennen wissen und der Friede wird in unserer sich bekämpfenden Glaubensgenossenschaft wieder zurückkehren. Als ein Faktum, das uns zeigt, wieweit durch Unklarheit und Unwissenheit über jüdische Religion der Jude zu sinken vermag, teilen wir hier ein Kuriosum mit, das der „Gil Blas" erzählt, und für unsre Zeitlage charakteristisch ist. Ein reicher jüdischer Negociant in Paris, dessen Tochter mit einem rötlichen Naturmale an der Schulter und an den Armen versehen ist, sandte dieselbe behufs Heilung auf die Wallfahrt nach den» Wunderbrunnen zu Lourdes! Welch ein Verfall in Aberglauben seitens eines Inden! ■ Wir teilen nunmehr einen Aufsatz der «Jewish World", eines gemäßigt orthodoxen Blattes von London, mit: „Amerika ist das Land des Neuen! Alles was nicht funkelnagelneu ist, hat keine Lebensaussicht auf jenem traditionslosen Kontinente und wo es an Erfindungsgabe fehlt, vorhandene Bedürfnisse zu befriedigen, da werden die alten Methoden in den Tiegel des Vorwärtsgehertums („Ao-abeacknoss") geworfen und in den Formen der Tagesmode umgegvssen. Man hält sich an das schöne biblische Wort: „Die alten Dinge sind vergangen — alles wird neu geschaffen!" Selbst der Bund am Sinai ist nicht frei vom Aankeegesetze des Wechsels! Während der letzten zwei Wochen ist der Versuch gemacht worden, es durch das zu ersetzen, was ohne Zweifel auf die Nachwelt kommen wird als „die Tagesordnung von Pittsburg!" Fünf und dreißig Rabbinen haben sich in feierlicher Sitzung in der Alleghanyhauptstadt versammelt und unter der inspirirenden Leitung des Dr. Wise haben sie einen neuen Begriff des Judentums in acht Artikeln verfaßt. Es ist unnötig hier den etwas wortreichen und unzusammenhängenden Text dieses Glaubensbekenntnisses zu widerholen. Es genügt, zu sagen, daß es die talmudische Tradition vollständig abschafft, den bindenden Charakter des mosaischen Gesetzes leugnet, feststellt, daß die Juden nicht länger eine Nation sondern eine religiöse Gesellschaft bilden, und das Judentum definiert als den Glauben an einen Gott der heiligen Schrift, entwickelt und vergeistigt /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.