Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 279 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2969669-2969893-2969905--6778-2976130- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mächtige ein recht frohes, gesundes Alter und langes Leben verleihen und uns allen das kommende Jahr ein recht freundliches werden lassen. Deshalb bitte ich Euch zum neuen Jahre: Härnit Euch nicht uin mich, damit ich, wenn ich einst wiederkehre, Euch, liebe Eltern, wenn auch an Jahren älter, so doch an Geist und Kraft noch recht jung wiederfinde. Doch nicht wahr, meine lieben Eltern? Ich darf mich beruhigt der Hoffnung hingeben, Euch auch geduldig und vertrauensvoll unserem Schicksal ergeben zu wissen, und daß wir Alle hoffnungsvoll der Zukunft entgegensetzen? Es hat doch nun einmal ein Höherer dieses Auferlegte gewollt, unter dessen Willen man sich beugen mnß, bis wir die Zeit der Prüfung überstanden haben werden. Verlebt die schönen Festtage recht zufrieden! Seid stark und tapfer, meine lieben Eltern! Ich leide ja nicht nur für mich» sondern für ein ganzes Volk, eines fanatischen Aberglaubens wegen. O, möchte Gott dieses einmal lichten! Dieses Gefühl zu haben» für meinen Glauben leiden zu müssen, ist recht wohlthuend für mich. Wie ist doch die Welt so schön, wie süß das Leben! Ja, hätte es selbst mein Leben kosten sollen, so hätte ich es ebenso ruhig und gelassen, wie ich meine Strafe ertrage, für meinen Glauben hergegeben. Haben doch leider unsere Ahnen schon so sehr viel leiden müssen, weil sie Juden waren! Dieses Schicksal soll mich umsomehr an meinen Glauben fesseln. Darum frisch auf, meine lieben Eltern, und bestätigt mir im nächsten Briefe, daß Ihr so denkt wie ich, was mich um Vieles beruhigen wird. Wir wollen uns mit Herz und Gemüt den hohen Festtagen widmen, welche doch io Manches in uns wachrufen. Gott ist für uns, unter unseren Helfern wir werden es noch an unseren Feinden schauen- Was eilt schneller und stetiger von dannen, als die Zeit? Was ist ruhiger, als der Wechsel in ihr, was unwiederbringlicher als ihr Verlust? Und doch, giebt es nicht Tage, die fast den Charakter der Unsterblichkeit an sich tragen, die bei ihrer Wiederkehr in der Jahresordnung eine unendliche Fülle von.Gedanken und Erinnerungen wecken? Was giebt ihnen solche Anziehungskraft? Was zeichnet ein Fest von anderen Tagen aus? Es ist an ihm dieselbe Sonne aufgegangen, die gestern geleuchtet hat. Seine Morgenröte hat keine goldenere Pracht, kein reicheres Fluten des Lichtes, seine Nacht keinen blaueren Himmel, und sein Himmel keine blinkenderen Sterne. Und doch ändert ein Fest die ganze Verfassung des Gemütes! Das Herz fühlt tiefer, der Geist denkt feierlicher; der ganze Mensch ist erregbarer und gehobener als sonst. Was giebt einem solchen Tage seine Weihe und Wirkung? Was? Ja, liebe Eltern, sein Morgengruß hat die Schatten der Vergangenheit wachgeküßt, sein festliches Frührot die Gräber der Geschichte erschlossen- Lebendig und frisch steigen die bleichen Erinnerungen auf und ziehen in langem Reigen an uns vorüber, reden von alten Tagen, und man hört ihnen sinnend zu. Sie ziehen, auf den Vorhang der Vorzeit, wischen den Staub ab von