Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 269 — weihten Stätten bleiben von Reibungen und Feindseligkeiten nicht verschont. Da- Gift des Hasses, den eine systematisch betriebene und von den Juden Anfangin der Hoffnung, daß es sich nur um eine vorübergehende Infektion handele, stilk-; schweigend ertragene Hetze gezeitigt, zeigt seine Wirkung überall in der Oeffentlichkeit und im privaten Verkehr. Offen und geheim wird in unserem Baterlande an der Beseitigung des Resultates hundertjähriger Kulturarbeit und mühsamer Ent- Wickelung unseres öffentlichen Lebens, an der Aufhebung der verfassungsmäßige« Gleichberechtigung der Juden, gearbeitet, und was man durch die Gesetzgebung zur Zeit wenigstens noch nicht erreichen kann, sucht man auf dem Wege der Verwaltung durchzusetzen — eine Arbeit, die, Gott sei es geklagt, von ungeahnte« . Erfolge begleitet ist. Haben wir es doch erleben müssen, daß die obersten Hüter des Rechtes und der Gerechtigkeit in den beiden größten deutschen Bundesstaate« die dem Wortlaut und dem Geiste der Verfassung gleich schnurstracks zuwiderlaufende ungleichmäßige Behandlung der christlichen und jüdischen Justizbeamten zugestanden uud daß der preußische Justizminister offen erklärt hat, daß es in andere« Refforts noch schlimmer sei. Mit dieser Behandlung der beschworenen Verfassung geht übet- all Hand in Hand eine geschäftliche und gesellschaftliche Aechtung der Juden; ja v selbst der verwitterte Schutt und Moder alter Vorurteile und Verfolgungen wird aus der mittelalterlichen Rumpelkammer an's Tageslicht gefördert und findet Ein-; laß auch in die obersten Schichten der Bevölkerung. An das längst vergessen gewähnte Märchen vom Ritualmord glaubt heute nicht etwa nur der geistige Pöbel, nein glauben leider auch Kreise, die ehemals Träger der deutschen Freiheit, deS deutschen Idealismus gewesen sind. Ob diese moderne Zeitkrankheit noch lange die Volksseele umnachten wird? Allein der Blick auf jene Jugend, die berufen ist, einst die führenden Stellungen im Lande einzunehmen, die akademische, lehrt uns, daß wir die Hoffnung auf den baldigen Eintritt besserer Zeiten schwinden lassen müffen. Angesichts dieser na urigen Lage, in der wir Juden uns befinden, noch weiter schweigend zuzusehen und es, wie zu Beginn der judenfeindlichen Bewegung,/ den freiheitlichen Parteieil zu überlassen, für unser Recht zu kämpfen, wäre Thor» heit, ja wäre geradezu ein an Selbstmord streifendes Verbrechen. Endlich ist die Erkenntnis durchgedrungen, daß es in erster Linie den von der Not Betroffenen - selbst obliegt, sich zu wehren und unentwegt zu kämpfen, bis Recht und Gerechtigkeit zur Wahrheit geworden. In diesem Kampfe um unser Recht und unsere Ehre darf Keiner zurückstehen, auf Keines Mitwirkung kann verzichtet werden. Jede- Juden Pflicht ist es, bei der Fahne zu bleiben, und je höher er im Leben steht, um so größer ist seine Verpflichtung, auszuharren. Und mit diesem Kampfe'sind ' die Aufgaben, die die Thatsache der Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft stellt, nicht etwa erschöpft. Neben der Abwehr judenfeindlicher Bestrebungen obliegt de» Juden die ungleich größere und wichtigere Aufgabe der Hebung deS geistige«, fitt- - lichen und sozialen Niveaus der Gemeinschaft, ungleich größer und wichtiger, weik :