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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 270

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
22 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Date
1902-12-01
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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270 [■ ihre Lösung die Lösung der Jndenfrage von Grund aus bedeutet. Zwar haben I sich, seit unsere großen Männer im vorigen Jahrhundert die Emanzipation ihrer l Leidensgenossen erstritten, die Juden auf allen Gebieten menschlicher Bethätigung, ' auch auf denjenigen, die ihnen bis dahin verschlossen gewesen, bewährt und zum \ Teil Hervorragendes geleistet; aber Schäden und Mängel, die Jahrhunderte lange s Bedrückung verschuldet haben, sind nicht in einigen Jahrzehnten zn beseitigen: die ' Wunden, die die Zeit geschlagen, kann nur die Zeit heilen. Bedurfte es nun schon •- in Zeiten ruhiger Entwickelung zur Durchführung dieser inneren Emanzipation der Mitwirkung der auf einer höheren Stufe Angelangten, so ist heute, wo die antisemitische Bewegung dieser Entwickelung hindernd in den Weg getreten, ja sie zuy. rückgeschraubt hat, wo gegen uns Juden die sonderbare, aller Gerechtigkeit spottende Logik angewandt wird, an die Stelle des Einzelnen das Allgemeine, anstatt den oder einige Juden die Juden zu setzen, und bei einer Arbeit, die mehr als Recht und Ehre, die die schwer bedrohte Existenz der Gemeinschaft sichern soll, die Mit- I Wirkung aller hierzu Fähigen schon aus Gründen der Klugheit und der Selbsterr Haltung auf das Dringendste geboten. Ja der Männer und Charaktere bedarf 7 eS, nicht der Schwächlinge und Streber, die Wahrheit, Recht, Gewissen und Ueber-! zeugung jeden Augenblick zu verleugnen bereit sind um eines persönlichen Vorteils 7 oder um des besseren Fortkommens willen. Und weil diese innere Arbeit wegen - ihrer Größe und Schwierigkeit von dieser Generation nicht gelöst iverden kann, s weil auch ein Ende des Kampfes um Erhaltung der äußeren.Emanzipation nicht ' abzusehen ist und wir nicht wissen können, ob wir den endlichen Sieg der Gerechtig-; keit erleben werden, schon allein deshalb dürfen wir Juden uns nicht damit begnügen, f. selber treu zur Gemeinschaft zu halten, sondern müssen auch unsere Kinder zu t Kämpfern für die Sache der Gemeinschaft, zu Mitarbeitern an den Aufgaben der [, Gemeinschaft erziehen. Erfüllen müssen wir sie, müssen wir uns mit möglichst viel | von jenem Geiste, aus dem der Mut, die Opferfreudigkeit und die Ausdauer in | diesem Kampfe und in dieser Arbeit geschöpft werden. Dieser Geist heißt jüdisches Selbstbewußtsein. Seine alleinige Quelle aber ist das jüdische Bewußtsein, aus ihm schöpft er seine Kraft und Würde. Und darum ergiebt sich mit geradezu ' zwingender Logik für uns die unbedingte Notwendigkeit, dieses Bewußtsein in uns i und in unseren Nachkommen nach Kräften zu stärken und, wo nötig, neu zu erwecken und neu zu beleben. In den Jahrhunderten vor der Emanzipation, in denen die Juden abge- * sondert von der übrigen Bevölkerung des Landes in ihren Ghettos zusammenlebten, da war eS die Synagoge, von der die lebensvolle, geistige und sittliche Anregung ausging und von der sie sich über die Judenheit hinaus verbreitete, unzählige Ströme jüdischen Bewußtseins in sie ergießend. Als dann im vorigen Jahrhundert die Ghettothore sich öffneten und die Juden mit ihren Landesgenossen an der nationalen Kulturarbeit regeren Anteil nehmen durften und nahmen, da konnte die Synagoge

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