Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 22 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i; i ohne ihnen allen gemeinsame reale oder ideale Güter? Auf diese Frage giebt es | Meines Erachtens nur die eine auch von Kirchhofs gegebene Antwort: Die bürgerliche Bedrückung, die Verachtung seitens der christlichen und mohamedanischen t. Völker, die gemeinsam getragenen Verfolgungen, die Absperrung in — ehemals , reale, jetzt ideale — Ghettos, kurz die specifisch jüdische Not ist es, die die Juden - zu einer Gemeinschaft zusammengeschmiedet, die sie dazu gebracht hat und die sie; immer wieder dazu zwingt, sich selbst eine gewisse Ausnahmestellung zu vindiziren- * Also das Bewußtsein, gleichen Nebeln ausgesetzt zu sein, Genosse gleichartiger, - historisch auf dem gleichen Grunde ruhender und nach den Lehren der Geschichte k! mit den gleichen Mitteln zu beseitigender Leiden zu sein, ist heutzutage das einzige absolute Element des jüdischen Gemeinschaftsbewußtseins; ihm gegenüber kommt den beiden anderen Bewußtseinselementen, der gemeinsamen Religion und der gemeinsamen Abstammung, heutzutage nur der Charakter relativer Elemente zu. Es versteht sich aber natürlich von selbst, daß, auf je mehr Elemente das jüdische Be- / wußtsein sich stützt, desto kraftvoller es sein muß. Doch auch die Intensität des - allein auf einem der genannten Elemente basirenden jüdischen Bewußtseins kann : verschiedene Gradstufen haben und ist, wie einer Minderung, so auch einer Steige- ■, rung fähig. Dies tritt am klarsten da hervor, wo die Religion der Stützpunkt des jüdischen Bewußtseins ist; aber auch das allein auf der Thatsache der Leidensgemeinschaft basirende jüdische Bewußtsein wird stärker oder schwächer sein, je größer oder je geringer die jüdische Not ist, je mehr oder je weniger Einer unter ihr zu leiden hat, je größer oder je geringer die Empfindlichkeit, das Gerechtigkeitsgefühl oder die Kampfesfreudigkeit des Einzelnen ist. Je kraftvoller aber das' jüdische Bewußtsein in dem Einzelnen lebt, desto geringer ist das Leidensgefühl: derjenige, den allein die jüdische Not mit seinen Leidensgenossen verbindet, wird ob der ihm durch die Geburt aufgezwungenen Gemeinschaft, wenn er nicht eine ausnahmsweise gerechtigkeitsliebende und kampfesfreudige Natur ist, in der Regel / nur Bitterkeit empfinden, während ein ausgeprägtes Stammesgefühl und nun gar die Begeisterung für das Judentum die Leidensempfindung^ zum Mindesten mildern, ja wohl gänzlich aufheben wird. Bedarf — so können wir jetzt fragen — das jüdische Bewußtsein heute und in Zukunft einer Kräftigung und Wiederbelebung? Gegenüber dieser Frage möchte ich die Gegenfrage stellen: Haben die Juden etwa aufgehört, eine Leidensgemeinschaft, der Allerwelts-Sündenbock zu sein, dem die Verantwortlichkeit für alle wirklichen und vermeintlichen Schäden der Zeit, für alle Auswüchse des politischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens aufgeladen wird? Und ist in absehbarer Zeit eine Besserung der Verhältnisse, unter denen sie leiden, zu erwarten? In besorgniserregender Weise steigert sich von Jahr zu Jahr die Abneigung gegen Juden und Judentum. Die Parlamente, die Presse, Vereine und Versammlungen, der tägliche Umgang geben hiervon traurige Kunde; selbst die der Wissenschaft ge- Im.